Startseite
Symposion Rom 2012
C. Mayer bei Benedikt XVI.
Nachrichten und Termine
Alle Nachrichten
Veranstaltungen
Kalender
Wir über uns
Augustinus
Augustinus-Lexikon
Augustinus auf CD-ROM
Literatur-Portal
Reihe ‹Res et Signa›
Neuerscheinungen
Texte von Augustinus
Texte über Augustinus
Förderverein
ZAF und Universität
Archiv
Links
Sitemap
Suche
Newsletter
Forum
Gästebuch
      
 
Joseph Ratzingers Augustinus-Dissertation
Volk Gottes und Leib Christi
Vor sechzig Jahren zeichnete die Theologische Fakultät der Universität München Joseph Ratzingers Promotion über die Kirchenlehre Augustins aus. Ein Beitrag der katholischen Zeitung „Die Tagespost“ vom 11.06.2011. Von Michael Karger
Das Erstlingswerk des heutigen Papstes: «Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche». In Band 1 von «Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften» wird seine Augustinus-Dissertation aus dem Jahr 1951 neu herausgegeben.

Die Preisaufgabe der Theologischen Fakultät der Universität München durfte 1950 der Fundamentaltheologe Gottlieb Söhngen stellen. Er wählte ein Thema aus der Lehre von der Kirche und verband es mit der Theologie der Kirchenväter: „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche.“ Von seinem Lieblingsschüler Joseph Ratzinger erwartete Söhngen, dass er sich an der Lösung der Aufgabe beteilige. Da die angenommene Arbeit automatisch als Promotionsschrift mit summa cum laude anerkannt wurde, bedeutete die Teilnahme für Ratzinger den Eintritt in die akademische Laufbahn.

Der Zeitpunkt war günstig. Soeben hatte Ratzinger im Sommersemester 1950 in München sein Abschlussexamen gemacht und konnte sich nun in den Semesterferien an die Arbeit machen. Insgesamt wurden neun Monate als Bearbeitungszeitraum zugestanden. Schwierig wurde die Situation für Ratzinger allerdings ab Oktober mit der Rückkehr in das Priesterseminar in Freising, der Diakonenweihe (29. Oktober 1950) und dem Beginn des pastoralen Vorbereitungskurses auf die Priesterweihe. Dank der Entlastung im Seminar durch seinen Bruder Georg und der Mithilfe seiner Schwester Maria, die das Manuskript abtippte, konnte Diakon Joseph Ratzinger seine Studie fristgerecht einreichen. Insgesamt wurden anonym unter einem Kennwort drei Arbeiten eingereicht. Eine erhielt den vollen Preis, eine wurde belobigt, eine hatte das Thema verfehlt. Angenommen wurde die Arbeit des Theologiestudenten Ratzinger. Sein damals verwendetes Kennwort hat der München Erzbischof Ratzinger 1980 rückblickend kommentiert: „Bei der Lektüre der Texte Augustins war mir ein Satz des heiligen Paulus als das beständig wiederkehrende Leitmotiv begegnet, in den Augustin selbst seine ganze Kirchenidee und seinen eucharistischen Glauben zusammengefasst fand; ich habe es damals als Motto gewählt. Es war der Satz aus 1 Kor 10, 17: Unus panis unum Corpus sumus multi – weil ein Brot, sind wir, die Vielen, ein Leib. Ich glaube, je länger man mit diesem Satz umgeht, desto mehr zeigt sich, dass er in der Tat ein unerschöpfliches Motto darstellt, aus dem man immer neu lernen kann, was Christsein heißt, was Gemeinde, was Kirche, was Eucharistie bedeutet“ („Gemeinde aus der Eucharistie“).

Weichenstellung für das ganze Leben

Am 26. Juni 1951 fand beim Stiftungsfest der Universität München die Auszeichnung der Preisarbeit statt, während der Preisträger an den Weiheexerzitien seines Kurses teilnahm. Zur Begründung ihres Urteils gab die Fakultät über die Arbeit bekannt: „Sie ist eine ausgezeichnete Leistung begriffsanalytischer und problemgeschichtlicher Methode. Die Erforschung der augustinischen Lehre über die Kirche und darüber hinaus auch seiner sonstigen Theologie wird in wesentlichen Fragen weitergeführt. Quellen und Literatur sind trotz mancher Unausgeglichenheiten umfassend benutzt.“

In seiner Autobiografie bezeichnete Ratzinger die Annahme seiner Arbeit als eine „entscheidende Weichenstellung für mein ganzes Leben“. Nach der Priesterweihe im Freisinger Dom am 29. Juni begann die vierzehnmonatige Kaplanszeit in München. Während seiner Zeit als Dozent am Priesterseminar ab Oktober betrieb Ratzinger nebenbei sein Promotionsstudium. Im Juni 1953 fand das schriftliche und mündliche Examen rigorosum statt, am 11. Juli war die Disputation und die Promotion zum Doktor der Theologie (summa cum laude). Die Arbeit wurde mit nur geringfügigen Änderungen 1954 gedruckt und in die Reihe „Münchener Theologische Studien“ aufgenommen, sie enthält die Widmung: „Meinen Eltern in Dankbarkeit zugeeignet.“

Mehrfach hat Ratzinger die Wahl des Themas, das Ergebnis seiner Untersuchung und dessen Bedeutung für die zeitgenössische Theologie dargestellt. In der Zwischenkriegszeit sprach man plötzlich von der Kirche als dem mystischen Leib Christi und verband damit eine Abkehr von einem vorwiegend institutionell verstandenen Kirchenbegriff. Die Enzyklika „Mystici corporis Christi“ (1943) von Papst Pius XII. entsprach dieser Tendenz und gab ihr einen lehramtlichen Ausdruck. Zeitgleich mit dem Erscheinen der Enzyklika wurde allerdings heftig bestritten, dass der Begriff „Leib Christi“ überhaupt geeignet ist, das Wesen der Kirche richtig auszusagen. Eine ganze Reihe von Theologen verstand Leib Christi lediglich als Bildwort und propagierte den Begriff „Volk Gottes“ als den einzig biblischen Kirchenbegriff. Professor Söhngen hatte diese Diskussion verfolgt und neigte ebenfalls den Kritikern des Leib Christi-Gedankens zu. Mit dem Thema der Preisaufgabe verband Söhngen die Vermutung, dass eine genaue Analyse erweisen wird, dass der Begriff „Volk Gottes“ der Schlüssel zum Wesensverständnis der Kirche bei Augustinus ist.

Zusätzlich ließ Söhngen noch den Begriff „Haus Gottes“ untersuchen. Ratzinger ging von diesen Mutmaßungen unberührt und völlig unvoreingenommen an die Arbeit heran. Es zeigte sich, dass Söhngen nicht recht hatte. Bei Augustinus bezeichnet „Volk Gottes“ ganz entsprechend dem neutestamentlichen Sprachgebrauch fast ausschließlich das Volk Israel. Die von Christus geschaffene Gemeinschaft heißt ecclesia (Versammlung). Voraussetzung ist die Väterexegese, die christologische Schriftauslegung. Wird das Alte Testament im Licht des Christusereignisses neu gelesen, dann kommt man mit Augustinus zu dem Ergebnis: „Volk Gottes wird Kirche, wenn es von Christus und vom Heiligen Geist neu versammelt wird.“

Im neutestamentlichen Sinne gehört man durch die Gemeinschaft mit Christus im Heiligen Geist zum Gottesvolk und nicht durch die Abstammung von Abraham und die praktizierte Gesetzesfrömmigkeit. Zum Gottesvolk gehört man durch Taufe und Eucharistie. Ratzinger bringt das Ergebnis seiner Untersuchung auf die Formel: „Kirche ist Volk Gottes nur in und durch den Leib Christi.“ War bisher die Meinung vorherrschend, Kirche als „Leib Christi“ sei eine bloß bildliche Redeweise und „Volk Gottes“ eine biblisch fundierte Wesensaussage, erbringt Ratzingers Väterstudie: „Während die Benennung der Kirche als ,Volk Gottes‘ eine allegorische (pneumatologische) Anwendung des Alten Testamentes auf uns ist, bezeichnet ,Leib Christi‘ die Wirklichkeit, die uns das Recht zur pneumatologischen Auslegung (,Allegorie‘) gibt: Das Handeln Christi an uns, der uns aus Nicht-Volk zu Volk werden lässt.“

Durch die begriffsgeschichtlichen Untersuchungen des unter Pius XII. sehr zu Unrecht als Modernist verdächtigten und später von Johannes Paul II. zum Kardinal erhobenen Jesuiten Henri de Lubac hatte Ratzinger erkannt, dass eine folgenschwere Bedeutungsverschiebung des Begriffs „mystisch“ für die Verdunklung der Kirchenlehre der Väterzeit mitverantwortlich ist. „Mystisch“ bedeutete zur Väterzeit nichts anderes als „sakramental“ und nicht wie in der Neuzeit „geheimnisvolle innere Gemeinschaft mit Gott“. Inhaltlich erbrachte die Augustinus-Studie von Ratzinger das Ergebnis: Der Begriff „Leib Christi“ – von den Vätern stets ohne Zusatz „mystisch“ gebraucht – meint nicht eine antiinstitutionelle Kirche der Innerlichkeit, sondern „verweist vielmehr auf die Kirche als in der Eucharistie konkret verfasste, von ihr her gebaute und durch sie zugleich ganz innerliche und ganz öffentliche Wirklichkeit“.

Zugleich konnte Ratzinger, von den Prinzipien der patristischen Schriftauslegung ausgehend, auch Augustins Schrift „Civitas Dei“ (Bürgerschaft Gottes) neu deuten: „Als Sakrament ist die Kirche nie ohne institutionelle Form, aber sie geht auch nie in der fassbaren juristischen Struktur auf ... weil die Kirche immer nur in dem pneumatologischen Überschritt über alles empirische Volksein hinaus Gottes Bürgerschaft ist. Darum kann sie nie selbst so etwas wie ein Staat werden.“ Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil spielte dann der Begriff „Volk Gottes“ eine erhebliche Rolle. Ratzinger nahm als Berater von Kardinal Frings und als offizieller Konzilstheologe an den Beratungen um den richtigen Kirchenbegriff regen Anteil. Durch seine ekklesiologische Studie zum Volk-Gottes-Begriff war er in der Lage, falsche Frontstellungen zu überwinden und die Begriffe zu klären. Sein wichtigstes Anliegen war eine Erneuerung aus dem Ursprungsgeist der Väter: die Konstruktion der gesamten Kirchenverfassung aus der eucharistischen Mitte heraus. Der noch von den Verfassern der Enzyklika „Mystici corporis“ erstellte kuriale Entwurf einer Kirchenkonstitution besaß noch kein Väterverständnis von „Mysterium“ in der Ursprungsbedeutung von „Sakrament“. Wie sehr sich die theologische Entwicklung wandelte, zeigten dann die zahlreichen Einwände gegen eine Definition der Kirche als Leib Christi auf dem Konzil: Die Kirche werde zu stark mit Christus identifiziert und sakralisiert, eine gestufte Kirchenzugehörigkeit lasse sich nicht vom Leib Christi- Gedanken aussagen, die Kirche als Gemeinschaft von Sündern komme nicht vor, die Vorläufigkeit der Kirche und ihre Erneuerungsbedürftigkeit, das ökumenische Anliegen, sah man hier ausgeschlossen. Da bot sich nun als Lösung der Volk-Gottes-Begriff an.

In einem Vortrag in Münster unmittelbar nach der ersten Sitzungsperiode des Konzils 1963 ging Ratzinger auf die ekklesiologische Frontstellung ein und zeigte aus seiner Augustinusstudie heraus den Lösungsweg, indem er für die zweite Sitzungsperiode voraussagte, „... dass die künftige Entwicklung den augenblicklich wohl zu stark empfundenen Gegensatz zwischen dem Begriff ,Leib Christi‘ und ,Volk Gottes‘ als einigermaßen künstlich erscheinen lassen wird, denn die Rede vom ,Leib Christi‘ hat ursprünglich nicht jenen etwas unbestimmbar mystischen Sinn, den ihr die Theologie der Romantik unterlegt hat, sondern ist fest verankert im sakramentalen Geschehen“. Daraufhin entfaltete Professor Ratzinger die eucharistische Kirchenlehre: „Man kann vom Neuen Testament her die Kirche gut als ,Volk Gottes‘ definieren, muss aber bedenken, dass sie eine ganz spezifische Form des Volkseins hat: Sie wird Volk nicht durch irgendwelche profanen oder profanjuristischen Zusammenhänge, sondern dadurch, dass der Herr sie im Geschehen der Verkündigung und der sakramentalen Handlung in die Eucharistie seines Leibes hineinversammelt: Man darf also sagen, dass die Kirche nach neutestamentlichem Verständnis ,Volk Gottes‘ vom ,Leib Christi‘ her ist, dass sie beiden Begriffe keinen Gegensatz bilden, sondern erst miteinander das eine Wesen der Kirche zum Ausdruck bringen.“

Schließlich wurde dem Begriff „Volk Gottes“ ein ganzes Kapitel in der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ eingeräumt. Ratzinger sieht die Volk-Gottes-Aussagen im organischen Zusammenhang mit den anderen Leitbegriffen, die eine Synthese ergeben. In dieser Synthese des Konzils sieht Ratzinger später „eine vollständige Bestätigung der wesentlichen Ergebnisse meines Buches, eine völlige innere Einheit der grundlegenden Sehweise von Kirche“. Mit der Bezeichnung der Kirche als Sakrament habe das Konzil „klar die christologisch-pneumatologische Transposition des Volk-Gottes-Begriffs“ vollzogen. Erst in der nachkonziliaren Rezeptionsgeschichte wurde die Vorordnung des Kapitels über das Volk Gottes vor das über die Hierarchie als Absage an eine eucharistisch-christologische Sicht der Kirche und ihre hierarchische Ordnung fehlinterpretiert. Auf diese Tendenzen zurückschauend schrieb der Kurienkardinal Ratzinger: „Das Wort vom Volk Gottes, aus seinem Zusammenhang gelöst, gab den Weg frei für eine mehr oder weniger rein soziologische Betrachtung der Kirche, bei der das Mysterium nichts mehr zu sagen hatte.“

Zusammenfassend kann man das biblisch-patristische Kirchenverständnis von Joseph Ratzinger so skizzieren: Die Jüngergemeinde nennt sich im Neuen Testament eben nicht „Volk Gottes“, sondern „Ekklesia“, Versammlung, in der dreifachen Bedeutung von gottesdienstlicher Versammlung, Ortsgemeinde und Gesamtkirche. Zentral ist dabei die Vorgängigkeit der Gesamtkirche. Verbindender Punkt ist der versammelnde Christus. Dies meint die paulinische Formel von der Kirche als Leib Christi: Kirche ist Volk nur als um Christus versammelte Gemeinschaft. „Volk wird sie nur in der Versammlung um den anwesenden Herrn und in ihn hinein. Volk ist sie nicht anders als durch den Leib Jesu Christi.“ Somit ist das Abendmahl „ganz realistisch der Konstruktionspunkt von Kirche“. Die Kirche als „Corpus Christi“ bedeutet: Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die miteinander Eucharistie feiern. In der eucharistischen Ekklesiologie ist auch die Verfassung der Kirche, ihre ureigenste Rechtsform enthalten.

Zugleich ist die Kirche bischöflich verfasst, dies gehört zu ihrer apostolischen Grundstruktur. Der Vorsitz der Gesamtcommunio kommt dem Papst zu, er repräsentiert die Einheit, die die Kirche von dem einen Christus her in der Eucharistie empfängt. Diese Einsichten entdeckte bereits der junge Ratzinger im intensiven Studium der afrikanischen Theologie der Spätantike. In einem Referat zum zwanzigjährigen Bestehen der katholischen Zeitschrift Communio, die Ratzinger zusammen mit Hans Urs von Balthasar als Gegeninitiative zu Hans Küngs institutionalisiertem Dauerreformprozess mittels der Zeitschrift Concilium gegründet hatte, geht er auch auf den Begriff „communio“ ein. Auf dem Konzil habe der Begriff „communio“ kaum eine Rolle gespielt, nach dem Konzil sei der Begriff „Volk Gottes“ im Sinne von „Volkssouveränität ohne Gott“ aufgekommen. Erst dann habe sich der Communio-Begriff ausgebreitet. Man unterstellte, dass das Konzil die hierarchische Kirchenstruktur durch die kollegiale Communio-Struktur im Sinne der Gleichheit aller und mit der alleinigen Vorherrschaft der Ortskirche ersetzt habe. Auch in dieser Variante durchschaute Ratzinger die Karikatur des Wesens von Kirche: „Kirche erscheint als Netzwerk von Gruppen, die als solche dem Ganzen vorgängig sind und durch den Weg der Konsensbildung ihr Miteinander zu finden haben.“

Eine eigene Gesamtschau der Ekklesiologie entworfen

Während sich die authentische konziliare Definition der Kirche als Sakrament weder in der Theologie noch im Bewusstsein der Gläubigen habe durchsetzen können, habe sich mit dem Volk-Gottes- und dem Communio-Begriff die Vorstellung von der Eucharistie als Selbstvollzug der Gemeinde, die Ideologie der Basisgemeinden, das funktionale Amtsverständnis, die Entsakralisierung und die Drohkulisse „Amtskirche“ ausgebreitet.

Mit den Ergebnissen seiner Augustinus-Studie hat Ratzinger die Kirchenlehre des Konzils im Sinne einer Rückbesinnung auf die biblisch-patristische Kirchenverfassung prägen können. Mit diesem Schlüssel konnte er die nachkonziliaren Irrwege erkennen und seine eigene Gesamtschau der Ekklesiologie entwerfen, die nun eindrucksvoll in den beiden 2010 erschienenen Bänden „Kirche – Zeichen unter den Völkern“ (Gesammelte Schriften 8/1 und 8/2) vorliegt.

Mit der Münchener Preisaufgabe von 1950/51 hat der junge Joseph Ratzinger in eine Richtung gewiesen, die sich in dem nun über ein halbes Jahrhundert andauernden Ringen um das Wesen der Kirche als Lösungsweg gezeigt hat. Zugleich sagt er selbst, dass die Rückgewinnung des Kirchenverständnisses noch vor uns liegt: „So wird es zu den entscheidenden Aufgaben in der Verarbeitung des konziliaren Erbes gehören, den sakramentalen Charakter der Kirche neu zu erschließen und damit wieder den Blick zu öffnen für das, worum es eigentlich geht: um die Vereinigung mit Gott, die die Bedingung für die Einheit und Freiheit des Menschen ist.“

In seinen Erinnerungen „Aus meinem Leben“ ersetzt Kardinal Ratzinger Aussagen über seine Münchener Bischofsjahre durch Betrachtungen im Geiste des heiligen Augustinus über sein Bischofswappen. Den Bären, der das Gepäck des heiligen Bischofs Korbinian der Legende nach über die Alpen trug, interpretiert er nach einer Psalmauslegung bei Augustinus als Lasttier. Der Kardinal hat hier nicht nur „die Last und die Hoffnung“ von Augustinus ausgedrückt gefunden und „ein Selbstporträt im Angesicht Gottes“, sondern es wurde für ihn auch zur „Darstellung meines eigenen Geschicks“. In den Zugtieren der Landwirtschaft sah Augustin „ein Bild seiner selbst unter der Last seines bischöflichen Dienstes“.

Im kirchlichen Schicksal Augustins sieht Ratzinger sein eigenes vorgebildet: „Ein Zugtier bin ich vor dir, für dich, und gerade so bin ich bei dir ... Er hatte das Leben eines Gelehrten gewählt und war von Gott zum Zugtier bestimmt worden – zum braven Ochsen, der den Karren Gottes in dieser Welt zieht. Wie oft hat er aufbegehrt gegen den Kleinkram, der ihm auf diese Weise auferlegt war und ihn an der großen geistigen Arbeit hinderte, die er als seine tiefste Berufung wusste. Aber da hilft ihm der Psalm aus aller Bitterkeit heraus: Ja, freilich, ein Zugtier bin ich geworden, ein Packesel, ein Ochse – aber gerade so bin ich bei dir, diene dir, hast du mich in der Hand.“ Einzig von Augustins Kirchenlehre und seiner kirchlichen Existenz her entsteht der Verstehensrahmen für den Theologen Papst Benedikt XVI. und seine kirchliche Sendung.

© ‹Die Tagespost - Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur› vom 11.06.2011, S. 13

Wir danken dem Verlag J.W. Naumann für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Webportal.

Veröffentlicht: 20.06.2011 ZAF
Weiterführende Links:
www.die-tagespost.de
Cornelius Mayer: «Augustinus im Denken von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI.»