BuchbesprechungTorsten Krämer, Augustinus zwischen Wahrheit und Lüge. Literarische Tätigkeit als Selbstfindung, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2007. 252 Seiten. ISBN: 978-3-525-25269-7
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© Vandenhoeck & Rupprecht  |
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Welches Verhältnis hatte der Kirchenvater Augustinus zur tradierten klassischen (heidnisch imprägnierten) literarischen Bildung? Inwiefern unterschied sich die Position des Bischofs von Hippo ihr gegenüber von der des Rhetorikprofessors, der er vor seiner Bekehrung gewesen war? Diesen Fragen geht Torsten Krämer in seinem Buch „Augustinus zwischen Wahrheit und Lüge. Literarische Tätigkeit als Selbstfindung“ nach. Die Arbeit wurde 2006 als Dissertation im Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaft der Universität Trier angenommen. Das Werk gliedert sich in sechs Abschnitte: Zunächst wird in die Problemlage eingeführt; es folgt die Bestimmung des soziokulturellen und historischen Kontextes, in dem Augustinus sich bewegte. Sodann wird Augustins Verhältnis zur antiken Bildung anhand seiner theoretischen Schriften bestimmt; hierauf anhand seiner Briefe; zuletzt fällt ein kurzer Blick auf seine Predigten. Eine Schlussbetrachtung sowie ein Literaturverzeichnis und ein Register der zitierten Stellen aus Augustins Werken runden das Buch ab. Augustinus’ Zeit war geprägt von einem spürbaren Wiederaufleben der heidnischen Welt, die ihre Bildungsideale gegenüber der neuen christlichen Religion in durchaus aggressiver Weise vertrat. Außerdem gewann der Streit zwischen den Christen, die selbst in der überlieferten Bildung tief verankert waren, und denen, die bildungsfeindliche asketische Ideale vertraten, wieder an Kraft. Augustinus war schon durch sein Amt als Bischof gezwungen, die traditionelle Bildung nicht unbeachtet zu lassen. Einerseits war auf die gebildeten Heiden Rücksicht zu nehmen, die man am ehesten für die neue Religion gewinnen konnte, wenn man die ihnen vertrauten literarisch-ästhetischen Maßstäbe beachtete. Andererseits waren auch die schon zum Christentum konvertierten Gebildeten nicht bereit, auf die ihnen vertraute Kultur zu verzichten. Gerade in einer Stadt wie Hippo war die antike Bildung noch durchaus präsent. Augustinus konnte sie also schon aus pastoralen Gründen nicht gut ignorieren. Aus den theoretischen Schriften des Kirchenvaters greift Krämer die 386, kurz nach der Bekehrung Augustins, entstandenen Cassiciacum-Dialoge heraus; ferner die einige Jahre später entstandene Schrift De doctrina christiana („Über die christliche Bildung“) und die Confessiones („Bekenntnisse“). In den Cassiciacum-Dialogen bildet die traditionelle Bildung noch den maßgeblichen Referenzrahmen; Augustinus verwendet sogar einmal die Wendung „maiores nostri“ („unsere Vorfahren“), als er in einem literaturgeschichtlichen Rückblick auf heidnische Schriftsteller zu sprechen kommt. In De doctrina christiana gibt sich Augustinus distanzierter. Die Christen können zwar Gebrauch von den heidnischen Schriften machen, doch weit überlegen ist dem Wissen der Heiden die wahre „scientia“, das heißt die Kenntnis der Heiligen Schrift. In den Confessiones äußert sich Augustinus über die tradierte Bildung so ablehnend wie nirgends sonst. Den Unterricht, den er als Knabe beim Grammatiker erhalten hatte, unterzieht er einer vernichtenden Kritik: Anstößig ist für ihn, dass es dabei nur um die Schulung von Sprache und Ausdrucksfähigkeit der Schüler gegangen sei, dabei aber vollkommene moralische Indifferenz bezüglich der behandelten Inhalte herrschte. Doch er wendet sich auch in den Confessiones nicht gegen die Rhetorik als solche, sondern bezieht ihr gegenüber einen neutralen Standpunkt. Und auch die Confessiones selbst setzen beim Leser an vielen Stellen die traditionelle Schulung voraus. Gerade sie zeigen, so demonstriert Krämer, dass eine Synthese aus klassischer und christlicher Bildung möglich ist, auch wenn Augustinus dies mit Rücksicht auf manche seiner christlichen Leser nicht offen ausspricht. Hochinteressant ist die Betrachtung, die Krämer den Briefen des Kirchenvaters angedeihen lässt. Er zeigt, wie sehr Augustinus sich auf den jeweiligen Briefpartner einstellte. Diese entstammten sehr unterschiedlichen Gruppen: Unter ihnen waren hochgebildete Heiden, ebenfalls traditionell gebildete Christen, aber auch Christen, die mit der klassischen Bildung nicht in Kontakt gekommen waren. Deutlich wird, dass viele, die sich an den Bischof wandten, ihn kulturell im traditionellen Bildungssystem verorteten, das ja auch Augustinus durchlaufen hatte. Das zeigen zum Beispiel gebildete Anspielungen in ihren Schreiben, deren Verständnis sie beim Bischof von Hippo offenbar selbstverständlich voraussetzten. Der ließ sich auf dieses Gespräch unter Gebildeten durchaus ein, wenn auch manchmal unter Vorbehalt. Nur wenn Augustinus der Ansicht zwar, sein Briefpartner verfolge seine Bildungsinteressen bloß aus sozialem Prestige, verweigerte er sich dem gewünschten Diskurs. Insgesamt zeigt die Analyse der Briefe des Kirchenvaters durch Krämer, dass dieser das Modell eines intellektuellen Christentums verfolgte, das die Beherrschung der traditionellen Bildungsgüter voraussetzte. Gegenüber dem Formalismus des alten Bildungsbetriebes legte der Kirchenvater jedoch Wert auf die Übereinstimmung der schönen, gelungenen Form mit einem guten Inhalt. Ein Exkurs ist der Vita Augustini (der Augustinus-Biographie) des Possidius gewidmet. Possidius legt ein Hauptaugenmerk auf die literarische Tätigkeit des Bischofs und lobt gerade die formalen Qualitäten seiner Schriften. Krämer erinnert in diesem Zusammenhang an das berühmte Wandfresko in der Lateranbibliothek, das Augustinus nicht als Bischof, sondern als Gelehrten, als Kirchenschriftsteller zeigt. Knapp fällt die Betrachtung der Predigten aus. Augustinus orientierte sich in ihnen an dem Verständnishorizont vor allem der einfacheren Gemeindemitglieder. Kurze Sätze und Bevorzugung der Parataxe gegenüber der Hypotaxe sind charakteristische Merkmale. Oft wendet sich der Bischof in seinen Ausführungen gegen den intellektuellen Hochmut des gebildeten heidnischen Philosophen, der meint ohne Gott auskommen zu können: dem Antiintellektualismus verfällt er aber nicht. Den heidnischen Philosophen konzediert er auch in seinen Predigten gelegentlich zumindest eine Teilwahrheit. Zusammenfassend lässt sich sagen: Im Verhältnis des Kirchenvaters zur ererbten heidnischen Bildung gab es keinen Bruch, sondern nur eine gewisse Akzentverschiebung. Augustinus anerkannte auch als Bischof ihren Nutzen; doch nun gab es für ihn etwas Wichtigeres. Es war für ihn legitim, von der alten Bildung Gebrauch zu machen; man musste sie aber differenziert betrachten und auf Christus ausrichten. Teilwahrheiten in der alten Philosophie (etwa bei Platon und seinen Schülern) anerkannte auch der Bischof nach wie vor. Die heidnischen Autoren des tradierten Literaturkanons bewunderte er durchaus immer noch. In einem seiner Briefe äußert er sogar die Hoffnung, dass sie von der ewigen Verdammnis verschont bleiben mögen (ep. 164,4). Augustinus suchte, das ist Krämers abschließende, sehr überzeugende These, bewusst nach seinem Platz im Grenzgebiet zwischen den beiden geistigen Welten, der klassischen Bildung und der neuen Weltsicht des Christentums. Er wollte dabei auch Anerkennung als Autor finden, „der das Bemühen um Anerkennung der eigenen Person mit dem Einsatz für die Sache verbindet“. Ein hochinteressantes Buch, das nicht zuletzt durch die Fülle des behandelten Materials besticht. Clemens Schlip » Zur Verlagshomepage mit Bestellmöglichkeit » Eintrag in der Datenbank der Augustinus-Sekundärliteratur Veröffentlicht: 16.11.2011
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