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Buchbesprechung

Roland J. Teske S.J., Augustine of Hippo. Philosopher, Exegete, and Theologian. A second collection of Essays, Milwaukee, Wisconsin: Marquette University Press, 2009. 296 Seiten. ISBN: 978-0-87462-764-0

R.J. Teske: Augustine of Hippo: Philosopher, Exegete, and Theologian. A Second Collection of Essays. Marquette University Press 2009.
Eine Sammlung von Aufsätzen über den heiligen Bischof von Hippo aus der Feder eines renommierten amerikanischen Augustinus-Experten – das bietet der Sammelband „Augustine of Hippo. Philosopher, Exegete, and Theologian“. Er vereint eine Reihe von Aufsätzen über den Kirchenvater, die der Jesuitengelehrte Roland J. Teske (Donald J. Schuenke Professor of Philosophy an der katholischen Marquette-Universität in Milwaukee) in den Jahren von 1980 bis 2005 an verschiedenen Orten veröffentlichte.

Die Beiträge sind in drei Gruppen gegliedert: „Augustine as Philosopher“, „Augustine as Exegete“ und „Augustine as Theologian“. Das Themenspektrum ist, wie es einem solchen Sammelband gut ansteht, breit. Hervorzuheben ist die Klarheit und Anschaulichkeit, mit der Teske schreibt und die er auch bei der Behandlung höchst diffiziler Fragen nicht verliert. Es bereitet Vergnügen, ihn zu lesen. Folgende Aufsätze verdienen besondere Erwähnung.

„Augustine, the Manichees, and the Bible“ beleuchtet die Veränderung in Augustinus’ Verständnis der Heiligen Schrift, die es ihm möglich machte, sich von der Sekte der Manichäer abzuwenden und zum Katholizismus zu finden. Nach der Lektüre des „Hortensius“ Ciceros hatte Augustinus sich zum ersten Mal intensiver mit der Bibel befaßt – und war abgestoßen gewesen. Gerade auch die ‚unmoralischen‘ Partien des Alten Testaments flößten ihm Widerwillen ein. Teske zeigt, daß der Manichäismus Augustinus in dieser Situation als ein seiner Person angemessenes elitäres Christentum erscheinen mußte. Die Manichäer lehnten das Alte Testament komplett ab. Auch Teile der Evangelien und der Apostelbriefe, die ihrer Lehre widersprachen, verwarfen sie. Diese Partien seien erst nachträglich eingefügt worden. An diese Interpolationstheorien mochte Augustinus freilich schon in seiner manichäischen Zeit nicht recht glauben. Zum katholischen Schriftverständnis führte ihn die Begegnung mit Ambrosius von Mailand. Dessen allegorische Exegese ließ Augustinus auch dort in der Bibel einen Sinn erkennen, wo der bloß dem Buchstaben nach erfaßte Inhalt ihn bisher abgestoßen hatte. Er erkannte nun, daß der Glauben der Katholiken gar nicht so grobschlächtig war, wie er zuvor gedacht hatte. Künftig verteidigte er die Heilige Schrift gegen die Kritik der Manichäer und setzte sie sogar als Waffe gegen sie ein.

„The Criteria for Figurative Interpretation in St. Augustine“ stellt zwei Kriterien vor, die Augustinus für die Anwendung der allegorischen Bibelauslegung festsetzte. Zunächst hatte der Kirchenvater die allegorische Auslegung für die Fälle als notwendig bezeichnet, in denen eine buchstabengetreue Auslegung zu absurden Ergebnissen führen würde. Später legte er ein erweitertes Kriterium zugrunde: Die allegorische Auslegung solle für alles in der Heiligen Schrift verwendet werden, das nicht eindeutig mit Glauben und Moral in Zusammenhang steht. Teske untersucht, wie Augustinus zu diesem zweiten, breiter angelegten Kriterium kam. Und er führt vor, daß der Kirchenvater schon zu einer Zeit, als er theoretisch noch dem ersten Kriterium folgte, in der Praxis seiner Bibelexegese viel häufiger zur Allegorie griff, als es diesem Kriterium entsprach.

In „St. Augustine and the Vision of God“ zeigt Teske, daß Augustinus nicht nur in seinen noch stark vom Neuplatonismus beeinflußten Frühschriften, sondern auch später noch davon sprach, daß bestimmte Menschen noch zu ihren Lebzeiten der Anschauung Gottes in einer Weise gewürdigt werden könnten, die auch von der Gottesschau in der kommenden Welt nicht zu übertreffen sei. Immer genauer beschrieb Augustinus die psychologischen und theologischen Implikationen einer solchen Vision der göttlichen Substanz.

„Augustine on the good Samaritan“ beschäftigt sich mit der Auslegung der Perikope vom barmherzigen Samariter durch Augustinus. Dieser deutete die Geschichte allegorisch als Beschreibung der Heilsgeschichte. Der Mann, der unter die Räuber gefallen ist, ist die in Sünde gefallene Menschheit; der barmherzige Samariter ist Christus, der Erlöser; das Gasthaus, in dem der gerettete Reisende genesen darf, ist die Kirche, etc. Teske zeigt auf, wie Augustinus zu einer solchen Auslegung kam, die der modernen Exegese denkbar fern liegt. Und er fragt, ob die augustinische Interpretation sich auch heute noch vertreten läßt. Seine Antwort, soviel kann hier schon verraten werden, ist positiv.

In „St. Augustine on the Humanity of Christ and Temptation“ stellt Teske dar, wie der Kirchenvater die menschliche Natur Jesu Christi auffaßte. Den Ausruf Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, sah Augustinus nicht als Ausdruck von Todesangst, da Jesus, der selbst Gott war, sich nicht von Gott verlassen fühlen konnte. Vielmehr habe er diese Worte in der Person seines mystischen Leibes, der Kirche, gesprochen. Teske führt uns auch in die Auseinandersetzung zwischen den Bischöfen Augustinus und Julianus ein. Die beiden stritten darüber, inwiefern Christus denselben Versuchungen zur Sünde – besonders im Bereich der Sexualität – ausgesetzt war wie alle anderen Menschen. Für Julianus war das sexuelle Begehren etwas Natürliches und Gutes, sofern es nicht zu Exzessen führte. Für Augustinus war das Begehren ein in der Erbsünde begründeter Defekt in der menschlichen Natur; folglich mußte Christus frei davon gewesen sein. Julianus warf Augustinus vor, mit seiner negativen Einstellung zur Sexualität noch immer in manichäischen Denkmustern befangen zu sein; und er warf ihm vor, letztlich die Rolle Christi als Lehrer und Vorbild der Menschen zu beschädigen. Wenn Christus nicht denselben Versuchungen in derselben Weise wie alle anderen ausgesetzt gewesen war, konnte er dann wirklich im Vollsinn als Lehrer und Vorbild der Menschen betrachtet werden? Wenn er bestimmten Versuchungen gar nicht ausgesetzt war, konnte er dann ein Vorbild für ihre Überwindung sein? Teske zeigt, wie diese Kontroverse sich letztlich auf ein unterschiedliches Konzept von Natur zurückführen läßt, das die beiden Bischöfe zugrundelegten.

Mit dem zehnten Buch von Augustinus’ „Gottestaat“ beschäftigt sich Teske in „The Definition of Sacrifice in De Civitate Dei“. Im Vordergrund steht die Frage, wie Augustinus dort den Terminus „Opfer“ definiert. Augustinus schreibt civ. 10,5: „illud, quod ab ominibus appellatur sacrificium, signum est veri sacrificii. porro autem misercordia verum sacrificium est“ („Jenes, was von allen Opfer genannt wird, ist ein Zeichen für das wahre Opfer. Das wahre Opfer aber ist die Barmherzigkeit“). Es war in Zweifel gezogen worden, daß Augustinus mit diesen Worten eine Definition des Begriffs „Opfer“ geben wollte. Denn würde eine solche Definition – nach der jeder in Liebe zu Gott vollzogene Akt der Barmherzigkeit als das wahre Opfer anzusehen wäre – nicht den Opfercharakter des Kreuzestodes auf dem Kalvarienberg und der unblutigen Erneuerung des Geschehens von Golgotha in der Heiligen Messe in Frage stellen? Teske zeigt dagegen, daß Augustinus hier sehr wohl eine Definition des Terminus „Opfer“ vornimmt. Für Augustinus ist gerade der Opfertod Christi am Kreuz auf dem Kalvarienberg das eine universale Werk der Barmherzigkeit, das eine universale Opfer, das alle Werke der Barmherzigkeit in sich faßt.

Von den hier nicht näher behandelten Aufsätzen verdienen Hervorhebung die Ausführungen zu „Ultimate Reality according to Augustine of Hippo“, die zugleich eine Einführung in die Entwicklung des Denkens des Kirchenvaters bieten, sowie „Augustine, Maximinus, and Imagination“, ein Beitrag, der die Auseinandersetzung Augustinus’ mit dem Arianerbischof Maximinus behandelt und auch auf das Problem der sogenannten „Hellenisierung des Christentums“ eingeht.

Insgesamt liegt hier eine Aufsatzsammlung vor, die man, wenn man sie einmal in die Hand genommen hat, nur ungern wieder beiseite legt. „A second collection of essays“ heißt es im Untertitel des Buches. Wer es gelesen hat, wünscht sich, daß es auch eine „third collection“ geben möge.

Clemens Schlip

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Veröffentlicht: 29.11.2011