ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Dieser Artikel ist im Augustinus-Lexikon in dessen 4. Band, Faszikel 5/6 (2016) auf den Spalten 752-754 erschienen.

I. Zoologie – II. Metaphorik – 1. Der vorösterliche Fischfang – 2. Die nachösterlichen Berichte – 3. Weitere Deutungen

  • fischfang codex egberti fol. 90r wmc 1761x981Rückkehr der Jünger vom wunderbaren Fischfang im See von Tiberias – der Auferstandene empfängt die Jünger zum österlichen Mahl (Joh 21,1-19). – Darstellung aus dem Codex Egberti (fol. 90r, Ende 10. Jh., Stadtbibliothek Trier, Ms. 24). – Bildquelle: wikimedia commons (Public Domain License).

I. Zoologie

P., der Fisch, zählt in A.s Gesamtwerk zu den häufiger erwähnten Tieren [1] (↗Animal). Als Merkmale der p. nennt A. Kiemenöffnungen (ciu. 7,8) und Schuppen (mor. 2,42; Gn. litt. inp. 14,44). P. besitzen keine ↗‹ratio› [2], sind aber mit einer ‹anima uiua inrationalis› ausgestattet (Gn. litt. 9,14,25) und, was A. aus eigener Erfahrung und gegen die vorherrschende Meinung bekräftigt, zu Gedächtnisleistungen fähig [3]. Der Nutzen für den Menschen der durch Haken oder Netze gefangenen p. [4] liegt im Verzehr [5].

Anmerkungen

[1] Nach CAG-online etwa 430mal in A.s Gesamtwerk. Zur Wortfamilie gehören außerdem: ‹piscator› (ca. 140mal), ‹piscatio› (gut 50mal), ‹piscina› (ca. 45mal), ‹piscari› (gut 20mal), ‹piscatus› (3mal), ‹pisciculus› (2mal), ‹piscatorius› (1mal). Über p. und ‹piscina› cf. dial. 6; doctr. chr. 3,40. Zur Häufigkeit von Tierbezeichnungen bei A. cf. Lau 361. Zu p. in der Antike allgemein cf. Engemann . – [2] Gn. litt. 3,20,30; qu. 1,153; en. Ps. 101,1,11; s. 43,3; p. werden hier teilweise von A. im Gegensatz zu Gn 1,16-18 ans Ende der Aufzählung der Lebewesen gestellt. – [3] Ib. 3,8,12; cf. Lau 363. – [4] Fang mit Haken: z.B. qu. 7,49,14; Io. eu. tr. 42,1; en. Ps. 100,9; Fang mit Netzen: cf. unten II; der Verzehr gestrandeter Fische (ciu. 22,8; cf. Opelt 209-212) ist die Ausnahme. – [5] S. Dolbeau 26,51: p. als ‹pulmentum›.

II. Metaphorik

Die Bedeutung des p. für A.s Werk beruht überwiegend auf der figuralen Interpretation von drei Evangelienstellen: (1) der Fischfang am See Genezareth vor (Lc 5,1-7) und (2) nach der Auferstehung Christi (Io 21,3-11) [6] sowie (3) das Gleichnis vom Netz und der Trennung der guten und der schlechten Fische (Mt 13,47-49) [7].

1. Der vorösterliche Fischfang. – Grundsätzlich stehen die Netze (‹retia›) für das Wort Gottes [8], und das Meer (‹mare›) steht für die außerkirchliche, diesseitige Welt, in der sich die Fische gegenseitig verschlingen [9]. Bei der ersten ‹piscatio› [10] erteilt Jesus den Befehl, die Netze auszuwerfen, ohne eine bestimmte Seite zu nennen [11]. Folglich gelangen p. von rechts und links, d.h. gute und schlechte Fische in großer Anzahl in die Netze (z.B. c. ep. Parm. 3,19.27); dieser Fischfang symbolisiert die Kirche «praesentis temporis, in hoc saeculo» (s. 270,7; cf. ib. 250,2), in der ‹probati› und ‹reprobi› vermischt sind (f. inuis. 11). Die beiden Fischerboote stehen für die Herkunft der Christen aus Judentum und Heidentum [12]. Nach dem Fischfang werden die Jünger zu ‹Menschenfischern› berufen; ihr ‹Netz› ist nun das Wort Gottes [13].

Das tiefe Einsinken der vom Fang vollen Boote verweist auf die unzählige Menge [14] der Bekehrten, unter denen sich auch überzählige (‹supernumerarii›) befinden, die aufgrund ihres Lebenswandels die Seligkeit nicht erreichen werden (s. Wilm. 13,4) und die die ‹disciplina› der Kirche gefährden (Io. eu. tr. 122,7) [15]. Wichtig für den Interpreten A. ist, daß die Gemeinschaft der ‹p. mali› mit den ‹p. boni› die ‹sichtbare› Kirche (↗Ecclesia) kennzeichnet [16], was die Donatisten mit ihrem Anspruch, die ‹Kirche der Reinen› zu sein, bekämpften (↗Donatistae). Hinsichtlich der Sitten darf freilich keine Vermischung stattfinden (ep. 108,7; f. inuis. 11). Das Reißen der Netze verdeutlicht zusätzlich den Bruch der Kircheneinheit durch fehlgeleitete Christen – Schismatiker und Häretiker [17].

2. Die nachösterlichen Berichte. – Bei dem Fischfang nach der Auferstehung, der die endzeitliche Kirche präfiguriert [18], erteilt Christus die Weisung, die Netze nach rechts auszuwerfen [19]. Es werden folglich nur ‹p. boni› gefangen, die überdies groß sind und sich zu der Zahl 153 summieren. Diese Zahl (↗Numerus) deutet A. mit verschiedenen Allegorien als feststehende Anzahl der Erwählten (↗Electio) [20]. Die Größe der Fische verweist auf die Gleichheit dieser Menschen mit den Engeln (s. 248,3), den Ausgleich für ihre Benachteiligung im irdischen Leben [21], die Fülle der Liebe (ib. 270,7) und die Unsterblichkeit (s. Guelf. 15,1). Der Fang wird, ohne daß die Netze reißen, an Land gebracht [22], d.h. die endzeitliche Kirche wird von Häresien und Schismen verschont sein [23]. Die Mahlzeit mit dem auferstandenen Christus, zu der die Jünger von den gefangenen Fischen beisteuern, drückt die Hoffnung auf Beteiligung an der ewigen Seligkeit aus (Io. eu. tr. 123,2).

3. Weitere Deutungen. – Die Identifizierung des p. mit Christus mittels des griechischen Akrostichons IΧΘΥΣ ist A. bekannt (ciu. 18,23; ↗Oraculum) [24]. Bei dem Wunder der ersten Brotvermehrung (Mc 8,1-10par.) stehen die beiden p. für die Personen, die das jüdische Volk regierten: ‹rex› und ‹sacerdos› [25]. Schließlich können p. nach Ps 8,9 («pisces maris, qui perambulant semitas maris») als Bild für neugierige Menschen und ihre fehlgeleiteten Bemühungen verstanden werden (en. Ps. 8,13: «pisces curiositatis»).

Anmerkungen

[6] Ein Vergleich der Fischzüge findet sich in diu. qu. 81,3; Io. eu. tr. 122,7; en. Ps. 49,9; s. 248,1-4; 249,1sq.; 250,2sq.; 252,1-3; s. Guelf. 15,1; s. Wilm. 13,2-4. – [7] Cf. s. 252,2: ‹parabola›, im Gegensatz zum ‹miraculum› der ‹piscationes›. – [8] S. 252,2; 362,3; s. Guelf. 15,1. Cf. ep. 105,16: «retia uerbi et sacramenti»; qu. Mt. 11,1. – [9] S. 252,2; zum ‹Meer der Bosheit› cf. Engemann 1028. – [10] Hierzu A. in s. 251,1 zusammenfassend: «tria ergo ista in illa piscatione significata sunt: mixtura bonorum et malorum, pressura turbarum, separationes haereticorum ». – [11] Cf. breuic. 3,16; s. 251,1: «sine differentia missa sunt retia ...»; cf. auch ib. 252,7; 270,7; s. Guelf. 15,1. – [12] Io. eu. tr. 122,7: «propter circumcisionem et praeputium»; ebenso: s. 249,2; s. Guelf. 15,1; s. Wilm. 13,2; cf. s. 4,18; 137,6; 252,3. – [13] S. 248,1; s. frg. Verbr. 38; cons. eu. 2,41. – [14] S. 252,2: «ceperunt piscium innumerabilem numerum»; cf. ib. 270,7; s. Guelf. 15,1: «multiplicantur christiani super numerum». – [15] Eine andere Erklärung ist der Druck, der von Judenchristen ausging, die eine Beschneidung aller Christen forderten (s. 252,3). – [16] Ep. 108,7: «usque ad finem saeculi … pariter natant corporibus mixti sed moribus separati»; cf. c. litt. Pet. 3,3sq.43; un. bapt. 23; Cresc. 4,33; breuic. 3,10; c. Don. 6.11.35; f. et op. 4; c. Gaud. 2,10; f. inuis. 11; cath. fr. 48.55; ep. 93,34.50; s. 251,3; en. Ps. 10,5; 64,9. Von den ‹p. boni› verlangt A. immer wieder Toleranz (f. inuis. 11; ep. 105,16; en. Ps. 40,8; Cresc. 3,55; s. 351,10; cf. Oden 221) und ‹patientia› (c. litt. Pet. 3,43; s. 252,4). – [17] S. 251,1: «disrupta retia quid significauerunt, nisi futura schismata?»; cf. ib. 249,2; 252,4; ep. 105,16; ↗Haeresis, haeretici, ↗Schisma. Die Donatisten Caecilianus und Felix sind kaum wahrnehmbare ‹pisciculi› (c. Don. 38). – [18] S. 251,1: «ista (sc. piscatio) uero post resurrectionem domini, significauit ecclesiam, qualis futura est in fine saeculi»; zur a. Interpretation von Io 21,3-11 cf. auch Recchia. – [19] Io. eu. tr. 122,7; s. 248,3; 270,7; s. Guelf. 15,1. – [20] Io. eu. tr. 122,8: «omnes ergo ad istam gratiam pertinentes, hoc numero figurantur, hoc est figurate significantur»; cf. en. Ps. 49,9; s. 248,3sq.; 251,5; 252,8.11; 270,7; cf. auch ib. 252,7: die 153 Fische als ‹ecclesia beata, mystica, magna›; s. Wilm. 13,2: ‹felix ecclesia›. Cf. Mayer 412-414.434sq.; Berrouard, Grands poissons; ↗Decalogus, 2,249. – [21] Nach Mt 5,17-19: s. 251,3sq. – [22] Der Strand versinnbildlicht dabei das Ende der Zeit: Io. eu. tr. 122,7; c. litt. Pet. 3,4.43; un. bapt. 23; Cresc. 4,33; breuic. 3,10; c. Don. 6.11; f. et op. 4; c. Gaud. 2,10; f. inuis. 11; cath. fr. 48; ep. 93,34; 108,7; s. 251,3; cf. un. bapt. 31: ‹iudicium litoris›. – [23] Inq. Ian. 2 (= ep. 55) 31; cf. breuic. 3,16; Io. eu. tr. 122,7; s. 252,11; s. Guelf. 15,1. – [24] Cf. Hübner 327; Roess li 271 mit n. 31. Zur Entwicklung des Akrostichons cf. Engemann 1024-1030. Christus als ‹p. magnus›: diu. qu. 61,4; Io. eu. tr. 17,11. – [25] Diu. qu. 61,2; retr. 1,26; Io. eu. tr. 24,5; s. Dolbeau 26,51.

Bibliographie

M.-F. Berrouard, «Le Poisson», désignation mystérieuse du Christ: BA 72 (²1988) 727sq. – Id., Les 153 grands poissons: BA 75 (2003) 488-490. – Id., Le repas au poisson et au pain: ib. 490sq. – J. Engemann , Fisch, Fischer, Fischfang: RAC 7 (1969) 959-1097. – W. Hübner, Oraculum: AL 4 (2012sqq.) 325-329. – D. Lau, Animal: ib. 1 (1986-1994) 361-374. – C.P. Mayer, Die Zeichen in der geistigen Entwicklung und in der Theologie Augustins 2, Würzburg 1974. – A.G. Oden, Dominant Images for the Church in Augustine’s «Enarrationes in Psalmos»: A Study in Augustine’s Ecclesiology, Ann Arbor, Mich. 1994 (Diss. Dallas, Tex. 1990). – I. Opelt, Der Goldring im Bauch des Fisches: Orpheus 5 (1984) 204-212. – V. Recchia, Similitudo e Metafora nel Commento di Agostino e Gregorio Magno alla Pesca miracolosa: Io. 21,1-14: Filologia e Forme litterarie. Studi offerti a F. della Corte 5, Urbino 1987, 241-262. – J.-M. Roessli, Augustin, les sibylles et les Oracles sibyllins: AugAfer 1,263-286. – A. Solignac, Le ‹poisson› symbole de l’Eucharistie: BA 14 (²1992) 634. – C. Vogel, Le repas sacré au poisson chez les Chrétiens: RevSR 40 (1966) 1-26.

ALEXANDER EISGRUB

© (Text) Verlag Schwabe AG, Basel

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