Würzburger Latinist Christian Tornau identifiziert zwei unbekannte Predigten des Kirchenvaters. Ein Beitrag der überregionalen katholischen Wochenzeitung Die Tagespost vom 11.06.2026. Von Regina Einig.
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In einer lateinischen Handschrift aus Kloster Pelplin in Polen hat Christian Tornau, Latinist der Würzburger Universität und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Augustinusforschung in Würzburg, zwei bis dato unentdeckte Predigten des Kirchenvaters Augustinus entdeckt. Einer aktuellen Mitteilung der Philosophischen Fakultät zufolge hatte ein Mitarbeiter des Klostervereins Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern Tornau vor zwei Jahren gebeten, eine sechs Predigten umfassende mittelalterliche Handschrift zu entziffern, die ursprünglich der Abtei Bad Doberan gehörte, heute aber in deren Tochterkloster Pelplin aufbewahrt wird. Zwei der Predigten konnten inzwischen als Augustinus-Texte identifiziert werden. Eine Edition der Erstausgabe bei CSEL (Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum) soll Ende des Jahres erscheinen.
Die nun entdeckten Predigten befassen sich mit der alttestamentlichen Geschichte von der „Hexe von Endor“. Der biblischen Erzählung zufolge (1 Sam 28) suchte König Saul während des Kriegs gegen die Philister aus Verzweiflung über die ausbleibenden Antworten Jahwes auf seine Fragen nach einer Wahrsagerin. Er fand sie in der Hexe von Endor und besuchte sie nachts verkleidet. Sie nahm ihm das Versprechen ab, wegen der von Saul selbst zuvor verbotenen Wahrsagerei nicht verfolgt zu werden, und beschwor auf seinen Wunsch den einige Zeit zuvor verstorbenen Propheten Samuel herauf. Bei dessen Anblick wusste sie, wer ihr Auftraggeber war, und wähnte sich betrogen, fuhr aber auf seine Beruhigung hin mit der Beschwörung fort. Ihrer eigenen Darstellung nach sah sie einen alten, in einen Mantel gehüllten Mann aus der Erde heraufsteigen, den Saul als Samuel erkannte. Von ihm erfuhr Saul, dass er, den Gott verlassen hatte, sein Königtum an David und sein Leben in der Schlacht verlieren und Israel gegen die Philister unterliegen würde. Der Grund, warum Gott sich von Saul abgewandt hatte, war, dass Saul zuvor im Krieg gegen die Amalekiter diese nicht mitsamt ihrem Besitz vollständig vernichtet hatte, wie Samuel es zu Lebzeiten als Gottes Wille verkündet hatte.
Tornau erklärte gegenüber dieser Zeitung, für antike christliche Theologen sei dies ein schwieriger Text, weil er anzudeuten scheine, dass ein böser Geist beziehungsweise die sich seiner bedienende „Hexe“ Macht über die Seele eines Heiligen – Samuel – habe. Zwei Lösungen seien antik bezeugt: Entweder sei nicht Samuel erschienen, sondern ein Trugbild, oder Samuel selbst sei erschienen, aber nicht wegen der Macht der Hexe, sondern weil Gott es zu einem guten Zweck zugelassen habe. „Augustinus hat sich in einem früheren Text bereits mit dem Thema befasst und beide Lösungen gelten lassen. Das tut er auch in den neuen Predigten“, so der Latinist. Neu sei die rhetorisch-didaktische Aufbereitung des schwierigen Themas im Medium der Predigt für ein heterogenes Publikum und die in der zweiten Predigt erwogene Möglichkeit, dass Saul in der kurzen Zwischenzeit zwischen der Beschwörung und der für ihn tödlichen Schlacht noch bereut haben und erlöst worden sein könnte – und dass dies eben der Zweck der Erscheinung Samuels gewesen sei. „Das ist in der ganzen antiken christlichen Tradition singulär und auch bei Augustinus selbst sonst nicht belegt. Es ist aber bezeichnend für seine Offenheit für verschiedene glaubenskonforme exegetische Lösungen und vor allem für seine grundsätzliche Zurückhaltung bei der endgültigen Verurteilung von Menschen als Sündern, da das Innere des Menschen ja für einen anderen Menschen nicht zugänglich ist“, so Tornau wörtlich. Für Latinisten und Theologen ergeben sich Ansatzpunkte für weitergehende Spekulationen und Forschungsdesiderate: Hat Augustinus hier eine unbekannte, beispielsweise jüdische Quelle gehabt? Äußert er den Gedanken vielleicht, weil er an einem Ort mit einer starken jüdischen Gemeinde predigt?
Auf die Frage, was den Latinisten von der Echtheit der Texte überzeugt habe, antwortete Tornau, es sei von vornherein klar gewesen, dass die Predigten spätantik und nicht mittelalterlich seien – und zudem aus dem Umfeld Augustins stammten: „Fälschungen lassen sich daran erkennen, dass sie Gedanken oder Vokabular enthalten, das für Augustinus nicht möglich ist – etwa weil sie erst mittelalterlich sind – oder dass sie Textpassagen aus Werken oder Predigten Augustins wörtlich übernehmen und puzzleartig zusammensetzen. Beides ist in den neuen Predigten nicht der Fall.“ Zunächst seien seine Kollegen und er skeptisch gewesen wegen einiger Formulierungen, die ihnen stilistisch nicht zu Augustinus zu passen schienen, doch hätten sich diese Probleme bei genauer Lektüre und in Einzelfällen durch leichte Korrekturen am Text sämtlich lösen lassen.
Die Predigten des heiligen Augustinus gehören zu den Klassikern der alten Kirche. Papst Benedikt erwähnte in seinen Augustinuskatechesen, dass der Menge der Predigten eine besondere Bedeutung zukomme. Häufig seien sie aus dem Stehgreif formuliert, von Stenographen während der Predigt aufgeschrieben und gleich in Umlauf gebracht worden. Die Publikationspraxis der Tausenden von Predigten des Augustinus, so der Papst, – häufig ohne Überprüfung des Verfassers – erkläre ihre Verbreitung und den folgenden Verlust, aber auch ihre Lebendigkeit. Augustins Predigten seien aufgrund der Berühmtheit ihres Autors sofort zu gesuchten Texten geworden und hätten auch anderen Bischöfen und Priestern als Vorbilder, die an immer neue Zusammenhänge angepasst wurden, gedient.
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