ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Winfried Böhm/Ernesto Schiefelbein/Sabine Seichter: Projekt Erziehung. Ein Lehr- und Lernbuch. Ferdinand Schöningh 2008. 197 Seiten. ISBN: 978-3-506-76516-1. EUR 19,90

Der ‚deutsche Papst’ der Personalistischen Pädagogik, der mittlerweile emeritierte Würzburger Professor Winfried Böhm, und der südamerikanische Bildungsplaner und zeitweise chilenische Erziehungsminister Ernesto Schiefelbein umreißen in ihrem von Sabine Seichter neu gefassten „Lehr- und Lernbuch“ zehn Leitfragen des „Projekts Erziehung“, indem sie auf Beiträge großer pädagogischer, ja nicht selten philosophischer Vordenker der Geistesgeschichte zurückgreifen, angefangen bei Plato und Augustinus über Kant und Marx bis hin zu Russell und Ricœur.

So wie dieses Buch sich in formal-didaktischer Hinsicht als einladendes Zueinander von Lektüre, Reflexionen, Kommentaren und Arbeitsanregungen präsentiert, eben so präsentiert es in inhaltlich-materialer Hinsicht seine Idee von ‚Erziehung’: als dialogische Anleitung zum ‚Selbst-Erfahren’ und ‚Selbst-Denken’ im mehrfachen Sinne des Wortes. Die in ausgewählten Texten angeführten Vor- und Meisterdenker werden daher stimmigerweise nicht als unanfechtbare Lehrmeister, sondern als produktive Impulsgeber zitiert und rezipiert.

Augustinus figuriert innerhalb dieses Mosaiks erziehungstheoretischer Impulse als Leitgestalt der Grundfrage: „Darf sich jemand Erzieher oder Lehrer eines anderen nennen?“ (Seiten 31-43). Im Rückgriff auf die augustinische Frühschrift De magistro (besonders Paragraphen 36-40), deren Substanz wohl auf philosophische Dialoge zwischen dem Vater Augustinus und seinem Sohn Adeodatus zurückgeht, legen die Autoren des Bandes die Antwort ‚Nein!’ nahe: Im emphatischen Sinne ‚Lehren’ vermag nicht die ‚äußere Autorität’ des Lehrers mit ihrem lediglich ‚äußeren Wort’, sondern letztlich nur die einleuchtende ‚innere Wahrheit’ des Lernenden (für Augustinus: Christus als den Geist erleuchtende, ewiggültige Wahrheit Gottes).

Winfried Böhm gehörte bereits vor dieser Veröffentlichung zu den wenigen modernen Theoretikern der Pädagogik, die Augustinus als Klassiker der Erziehungswissenschaft würdigten; ein noch profilierteres Alleinstellungsmerkmal gewinnt Böhm dabei durch seinen Interpretationstenor, De magistro als Manifest einer ‚emanzipatorischen Lerntheorie’ zu werten und auszuwerten. In der Tat kann man den augustinischen Text mit guten Gründen als gut begründete Anleitung lesen, der ‚Ver-Führung’ durch selbsternannte ‚Menschen-Führer’ zu misstrauen, der ‚Außen-Steuerung’ durch sinnentleerte, äußerliche Worte zu widerstehen und statt dessen auf das Votum des eigenen Verstandes und die innere Stimme des eigenen Herzens zu hören.

Doch entspricht es sicherlich ganz der Verfasserabsicht unseres überaus anregenden und lesenswerten „Lehr- und Lernbuches“, wenn der unter dessen Anleitung Lernende an eine solche Lesart Augustins seine eigenen Anfragen richtet: Lässt sich die - letztlich neuplatonische - Unvermitteltheit von personalem ‚Innen’ und geschichtlichem ‚Außen’ in ihrer für den frühen Augustinus typischen Rigorosität für eine zeitgemäße Anthropologie und Pädagogik nicht allenfalls unter Vorbehalt rezipieren? Unterschätzt der junge Augustinus nicht den Erziehungs- und Bildungswert von Sprache und zwischenmenschlicher Kommunikation? Ist die Berufung auf ‚innere Evidenz’ - ganz zu schweigen von ‚gottgewirkter Erleuchtung’ - als entscheidendes Wahrheits- und Sinnkriterium nicht (möglicherweise gegen seine ursprüngliche Intention) anfällig für den Missbrauch durch private, vor allem aber auch religiöse, weltanschauliche oder politische Meinungsdiktatur?

Indes trüge unser „Lehr- und Lernbuch“ seinen Titel und Anspruch zu Unrecht, wenn es derlei kritische Anfragen nicht zumindest in seinem weiteren Blick behielte. So stoßen wir an früherer oder späterer Stelle des facettenreichen Buches unter anderem auf einschlägige Texte der erwähnten Vor- und Meisterdenker Karl Marx, Paul Ricœur und Bertrand Russell, die als jeweiliges Korrektiv gegenüber genau jenen Unzulänglichkeiten des augustinischen Ansatzes fungieren können, auf die der Rezensent in seinen Anfragen hinzuweisen suchte. ... Und schon findet sich der Leser, ehe er sich’s versieht, inmitten des spannenden Lehr- und Lernprozesses dieses spannenden „Lehr- und Lernbuches“ und arbeitet auf seine endliche Weise mit am unendlichen „Projekt Erziehung“: Könnte den Autoren, den ‚Erziehern’ Böhm, Schiefelbein und Seichter, Willkommeneres widerfahren?

DDr. habil. Christof Müller

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