ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

DER MEISTZITIERTE THEOLOGE DER CHRISTLICHEN KIRCHEN
ZUR ANHALTENDEN AKTUALITÄT DES KIRCHENVATERS AUGUSTINUS

Vortrag von Cornelius Mayer

Am 18.11.2006 veranstaltete die Evangelische Stadtakademie München in der Ludwig-Maximilians-Universität unter dem Titel Augustinus – ein klingendes Mosaik eine theologische und musikalische Einführung in die Kirchenoper Augustinus von Winfried Böhm und Wilfried Hiller. Der Vortrag fand zu diesem Anlass statt. Das Werk wird am Samstag, 25.11.2006 um 19 Uhr in der St. Lukas-Kirche, Marienplatz 3 zum dritten Mal aufgeführt.
Am 13. November 354 erblickte im heutigen Algerien jener Mann das Licht der Welt, der die Geistesgeschichte des christlichen Abendlandes wie kaum ein zweiter geprägt hat: Augustinus. Kardinal Newman nannte ihn «das große Licht der westlichen Welt, der ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit die Intelligenz Europas prägte». Und der evangelische Kirchenhistoriker Adolf von Harnack sagte sogar von ihm: Er «ist der Mann, der überhaupt in der Antike und in der Kirchengeschichte nicht seinesgleichen gehabt hat».
Augustins Stellung in der westlichen Kultur ist in der Tat einmalig: Die Literatur um seine Person und sein Werk wächst Jahr für Jahr immer noch um rund 300 Titel. Diese exzeptionelle Breitenwirkung beruht sicherlich darauf, dass am Gespräch mit ihm und über ihn nicht nur Theologen, sondern auch Philosophen und Gelehrte aus unterschiedlichen Disziplinen wie der Geschichte, der Psychologie, der Linguistik – um nur einige zu nennen – teilnehmen. Mit Recht sah man in Augustinus den letzten antiken und den ersten modernen Menschen, denn in seiner Person hat die Antike die ihr innewohnende Gestaltungskraft noch einmal zusammengefasst. Er wuchs aber über sie hinaus – eben durch seine Bekehrung zum Christentum.
Als eine mit reicher Emotionalität, mit Phantasie und mit praktischem Sinn ausgestattete hochbegabte Person war Augustinus, ehemaliger Lehrer der Grammatik, Professor der Rhetorik, kenntnisreicher und versierter Dialektiker, bereits zu seinen Lebzeiten ein in gebildeten Kreisen viel gelesener und begehrter Autor. Seine 15 Bücher Über den dreieinigen Gott sind wohl das Tiefsinnigste, was je über den Gott der Christenheit geschrieben wurde. 20 Jahre arbeitete er daran. Da die elitäre Leserschaft deren Fertigstellung nicht mehr abwarten wollte, entwendete sie ihm die ersten zwölf, ehe die letzten geschrieben waren.
Sein 22 Bücher umfassendes epochales Werk Über den Gottesstaat nahm Augustinus nach der Besetzung Roms durch die Westgoten im Jahr 410 deshalb in Angriff, weil eine damals noch heidnisch gebliebene Schicht von Gebildeten die Schuld für diese Niederlage dem Christentum anlastete. Dieses ‹opus grande›, wie Augustin es nannte, erschien von 413-427 in Abschnitten. Schon die erste Lieferung beeindruckte die Leser. Kein Geringerer als Macedonius, der damalige Statthalter in Afrika, fragte sich, was er an dem Verfasser dieser Bücher mehr bewundern solle, die Fülle seines historischen Wissens, seine philosophische Bildung oder den Reiz seiner Beredsamkeit.
Das Werkverzeichnis Augustins umfasst rund 130 Titel. Von seinen Briefen – manche umfangreiche Abhandlungen – sind 246 überliefert; ihre Gesamtzahl wird auf das Achtfache geschätzt, die der noch vorhandenen 569 Predigten sogar auf das Zehnfache. Bei der Flut dieses schriftstellerischen Schaffens ist zu bedenken, dass Augustinus als Bischof zugleich Richter seiner Diözese war. In der Regel saß er von Morgen bis Nachmittag zu Gericht, weil die Kaiser den Bischöfen richterliche Funktionen übertragen hatten. Außerdem war Augustin häufig auf Reisen. Gut ein Drittel der Zeit seines 35 Jahre währenden Episkopates verbrachte er außerhalb seiner Diözese. Wohin immer er kam, erwartete man vom ihm, dass er predigte.
Wann, wie und wo schrieb der Vielbeschäftigte und Vielgereiste seine Bücher? Als Bischof besaß er eine geordnete, durch Kataloge gut sortierte und verwaltete Bibliothek mit einem ‹scriptorium›, einer Schreibstube. Dort standen ihm nicht nur seine Mitbrüder in dem von ihm gegründeten Kloster als Stenographen und Kopisten Tag und Nacht zur Verfügung, sondern auch angestellte und bezahlte Kräfte, denen er seine Schriften diktierte. Die Bibliothek war zugleich mit einer Art Druckerei, einer Vervielfältigungsanstalt und einem Verlag verbunden.
Gewiss lagen die wesentlichen Voraussetzungen für den enormen Bekanntheitsgrad Augustins zunächst in der Tiefe seiner Gedanken und im Glanz seiner Sprache, sie lagen aber auch in seinem Organisationstalent. Die Verbreitung seines Schrifttums war ihm ein Anliegen. Von Leuten, die ihn um seine Werke baten, verlangte er, sie sollten Kopisten zum Abschreiben schicken. Mit dem Verleih seiner Codices scheint er großzügig umgegangen zu sein. Er ermunterte die Empfänger, davon weitere Abschriften anfertigen zu lassen. So gab er z.B. einem reichen Nordafrikaner und Taufbewerber namens Firmus konkrete Anweisungen für die Abschrift des schon erwähnten Werkes Über den Gottesstaat; zugleich ermunterte er ihn freilich, das Werk auch zu lesen..
Schon 20 Jahre nach seinem Tod – er starb 430 – begannen Gelehrte sein Schrifttum in Sentenzensammlungen zu verbreiten. Solche Sammlungen waren im Mittelalter gefragte Hilfsmittel des Schulbetriebs. Nahezu alle namhaften Theologen des Mittelalters betrachteten Augustinus als ihren Lehrer und Meister. Dies war erst recht bei den Reformatoren der Fall. Luther, dessen Vorlesungen als Augustinermönch an der Universität Wittenberg von Augustinuszitaten gespickt waren, meinte, Augustinus sei ganz und gar der seine. Bei der Konzeption sowie bei der Verteidigung seiner Gnaden- und Rechtfertigungslehre berief er sich laufend auf Augustinus. Auch Calvin hielt Augustinus für den authentischen Interpreten der Schriften des Apostels Paulus von der Rechtfertigung des Sünders allein aufgrund des Glaubens an den rettenden Gott. Auf katholischer Seite berief sich das Konzil von Trient ebenfalls vorzüglich auf Augustinus. Der christliche Humanismus propagierte in Ablehnung der mittelalterlichen Scholastik die Rückkehr zu den Quellen – nicht nur zur Heiligen Schrift, sondern auch zu den Kirchenvätern, speziell zu Augustinus. Die Philologen der Renaissance haben mit Hilfe der Buchdruckerkunst entscheidend zur Verbreitung der augustinischen Schriften beigetragen. Bereits 1506 – also genau vor 500 Jahren – erschien in Basel die erste Gesamtausgabe.
In den folgenden Jahrhunderten war sowohl die Theologie wie auch die Philosophie weithin vom Gedankengut Augustins geprägt: In dem berühmten Diktum des Philosophen Descartes: «cogito ergo sum – ich denke, folglich bin ich», erkannte man unschwer den schon von Augustin gegangenen Weg der Gewissheit über die eigene Existenz. Und in dem im 17. Jahrhundert durch den Bischof Jansen ausgelösten Gnadenstreit, der die Kirche in Frankreich zu spalten drohte, ging es vorzüglich um die Auslegung der Schriften Augustins. Zur Zeit der Aufklärung haben Theologen der Evangelischen Kirche sich bei der Abwehr liberalistischer Tendenzen nicht nur auf Luther, sondern auch auf Augustin berufen. In der Katholischen Kirche vermochte die dort favorisierte scholastische Theologie ihm nicht den Rang abzulaufen. In den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils zählt der Bischof von Hippo zu den meist zitierten Autoren. Es bleibe in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt, dass die Homepage des Zentrums für Augustinus-Forschung in Würzburg, die über eine Vielzahl augustinischer Themen informiert, zur Zeit täglich weltweit von etwa tausend Besuchern frequentiert wird.
Was fasziniert an Augustinus heute noch? Um Kritisches gleich vorwegzunehmen: nicht alles. Da ist z.B. seine gegenwärtig nicht unangefochtene Moral, speziell auf dem Gebiete der Sexualität. Mit ihr pflegte der Kirchenvater seine Lehre von der Erbsünde zu illustrieren. An der physiologisch bedingten Unbotmäßigkeit der Sexualorgane glaubte er nämlich die Spuren der Adamssünde, mit der jeder und jede geboren werde, erblicken zu dürfen. Er dürfte sich indes kaum geirrt haben, wenn er die Erbsünde als ein Hineingeborenwerden jedes Menschen in eine entfremdete Welt deutete und verdeutlichte. Gewiss, so lehrte er, sei der Mensch der Bibel zufolge die Krone der sichtbaren Schöpfung, er sei aber auch ein ‹Abgrund›, ein ‹grande profundum› (conf. 4,22).
Ich wiederhole: Was fasziniert an Augustinus heute noch? Vieles, wie dies an der erwähnten Flut an Literatur über ihn zu sehen ist! Da ist zunächst seine Hochschätzung der Vernunft. Augustin hatte seit seiner Bekehrung zum Christentum ein enges Verhältnis zum Neuplatonismus, der Philosophie seiner Zeit. Sie lehrte, der Mensch sei dank seiner Ausstattung mit einer geistbegabten Seele ein Mikrokosmos. In der gestuften Ordnung alles Seienden nehme er die Mitte ein. Mit seinem Leib gehöre er zu den unteren Schichten des Universums, mit seiner Geistseele jedoch zu den oberen. Dank seiner Vernunft sei er in der Lage, die einzelnen Schichten alles Seienden wahrzunehmen und auf ihre Spitze hin ordnen. Diese Spitze nannten die Neuplatoniker schlicht ‹das Eine - ἕν› und sie lehrten: Wie in der Arithmetik alle Zahlen von der Zahl Eins ausgehen, auf die sie auch zurückzuführen sind, so verhalte es sich mit allem Seienden. – Es war natürlich für philosophisch gebildete Christen ein Leichtes, dieses ‹Eine› mit dem Schöpfergott der Bibel zu identifizieren.
In der bald nach seiner Bekehrung abgefassten Schrift Soliloquia – Selbstgespräche schrieb Augustin den programmatischen Satz nieder, er wolle nichts anderes erkennen als Gott und die Seele (1,7). Für dieses Ziel gab es seiner Ansicht nach zwei Wege, den der Vernunft und den der Autorität aufgrund des Glaubens an die göttliche Offenbarung. Setzte er die Akzente in bezug auf dieses Erkenntnisprogramm zum Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn noch auf die Vernunft, so verlagerte er sie später auf die Autorität. Er blieb jedoch zuinnerst davon überzeugt, dass es zwischen den vom Glauben vermittelten Erkenntnissen zur Vernunft keine Widersprüche geben dürfe.
Durch sein Festhalten an der prinzipiellen Intelligibilität des offenbarten Glaubens unterschied sich der Kirchenvater von manch anderem Schriftsteller in der christlichen Antike, die – um nur Tertullian zu nennen – ein Heranziehen der Vernunft zum Besseren Verständnis des offenbarten Glaubens ablehnten und polemisch fragten, was denn Jerusalem mit Athen und die Kirche mit der Akademie (der Philosophen) zu tun habe (praescr. 7). Weil jedoch für Augustinus Christus als das Mensch gewordene Wort des dreieinigen Gottes der Inbegriff alles Wahren und Vernünftigen war, zog er das Wissen seiner Zeit zum besseren Verständnis der Bibel heran. Augustinus blieb also ein christlicher Intellektueller in dem Sinn, dass er die Glaubensinhalte stets auch mit Hilfe der Vernunft zu reflektieren trachtete und solches in der Kirche zu tun, den dazu Befähigten aufs Wärmste empfahl: «Intellectum uero ualde ama – Liebe die Vernunft sehr!» (ep. 120,13) lautete seine Devise.
Lassen Sie mich das Gesagte nicht zuletzt im Hinblick auf den gegenwärtigen Streit um die Evolutionstheorie und die Schöpfungslehre in aller Kürze illustrieren. Wir kennen den ersten Satz der Bibel aus Genesis 1,1: «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde». Weil aber die Bibel unmittelbar mit der Schilderung des Sechstagewerkes der Schöpfung fortfährt, halten wir uns bei diesem Vers, den wir als eine Art Überschrift betrachten, kaum auf. Nicht so Augustinus. Wiederholt setzte er sich damit auseinander, um dessen Gehalt auch intellektuell zu erschließen. Indem Gott sprach: Es werde ...! – so lautete das Resümee seiner Überlegungen – sei sozusagen im Augenblick schon alles, eben «Himmel und Erde» erschaffen gewesen. Ja, in der Bibel selbst konnte er lesen: «Der in Ewigkeit lebt, schuf alles auf einmal – simul» (Jesus Sirach 18,1). Daher das Fachwort: Simultanschöpfung.
Bei seinen Darlegungen zu dieser Simultanschöpfung griff Augustin auf ein theoretisches Konzept der griechischen Philosophie zurück, wonach der Kosmos sich dank eines ihm vor- bzw. eingegebenen Programms der in ihm wirkenden, und der ihn gestaltenden Ursachen und Kräften, der sogenannten ‹rationes causales› bzw. ‹seminales› entwickle. Mit dieser seiner hier nur knapp wiedergegebenen Auslegung wollte Augustin die Schöpfung als Werk Gottes auch für Intellektuelle plausibel machen. Die Bibel freilich – davon war er überzeugt – wollte in ihrer weisen Pädagogik mit ihrer historisierend erzählenden Darstellung der Schöpfung in sechs Tagen der Fassungskraft auch weniger Begabter Rechnung tragen.
Was also Augustins theologisches Denken kennzeichnet und zugleich auszeichnet – dies dürfte unschwer zu sehen sein –, war sein Bestreben, die Wahrheiten des christlichen Glaubens für den Diskurs auch mit Gebildeten – Christen wie Nicht-Christen – offen und aufrecht zu erhalten. Wohl aus diesem Grunde erörterte er so intensiv und extensiv auch das Wesen des Gedächtnisses, als den eigentlichen Ort der auf die Gotteserkenntnis abzielenden Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung in seinen Bekenntnissen; aus gleichem Grunde erklärte und erläuterte er nicht weniger intensiv und extensiv das Wesen der Zeit im Kontext der Ewigkeit Gottes (ebd.) und vieles andere, wonach zu fragen wissenshungrige Menschen hier auf Erden nicht müde werden.
Augustinus war zwar Theologe von Rang, aber kein Fachvertreter, kein Dogmatiker, kein Exeget, kein Kirchenrechtler etc. Er schrieb, um bei der Dogmatik zu bleiben, keinen Traktat über Gott und über dessen Schöpfung, keine Christologie und Ekklesiologie, keine Sakramenten- und Gnadenlehre und dennoch wusste er zu all diesen Fächern Substantielles, ja Wegweisendes zu sagen. Die anhaltende Aktualität seines Denkens ließe sich an jedem der genannten Fächer aufzeigen. Ich beschränke mich im Hinblick auf die Ökumene der beiden großen Kirchen hierzulande auf den Themenbereich Gnade und Rechtfertigung.
Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Philosophie der Neuplatoniker. Sie lehrten, die Entfremdung des Menschen gründe in der Abwendung von dem ‹Einen› und der Hinwendung zu den niederen Schichten des Kosmos. Wissen also, und zwar philosophisches, tue Not – Aufklärung im sokratischen Sinn. Erfolgreich sei diese dann, wenn es ihr gelingt, dass der Mensch sich von außen nach innen wendet. In einer der Frühschriften Augustins stößt man auf den ganz und gar neuplatonisch klingenden Satz, der übrigens auch in das Libretto der Augustinus-Oper aufgenommen wurde: Gehe nicht nach außen; in dich selbst kehre zurück. Im Inneren des Menschen wohnt die Wahrheit. Und wenn du deine Natur als wandelbar empfindest, so überschreite dich selbst (uera rel. 72). In der Kehre also von Außen nach Innen und von Innen nach Oben wies die Philosophie der Neuplatoniker den Weg zum Heil.
Die Schriften des Neuen Testamentes weisen indes einen anderen Heilsweg, den der Gnade. Die Entfremdung gründet der Bibel zufolge nicht im Mangel an Einsicht, sondern in der Sünde, dem Inbegriff der Gottferne. Aufgehoben wird diese Gottferne durch das Erlösungswerk Jesu Christi. Der Kern der frühkirchlichen Predigt lautete nicht, der gekreuzigte Jesus lebt, sondern der ‹für uns› gekreuzigte Jesus lebt. Als der verherrlichte Erlöser schenkt er allen, die an ihn glauben, Anteil an seinem neuen Leben. Gnade im Sinne der neutestamentlichen Verkündigung ist darum immer die Gnade Christi.
Nun wird man zugeben, dass nach dem Neuen Testament insgesamt, speziell nach den Evangelien auch sittliche Weisungen Jesu für die Lebensgestaltung der Christen eine wichtige Rolle spielten. Schon in der nachapostolischen Zeit schienen diese Weisungen innerhalb der Christenheit eine zunehmend dominierende Bedeutung gewonnen zu haben. Auch Augustinus sympathisierte noch vor seiner Bekehrung mit einem Christentum, das den Kern des Evangeliums vorzüglich in der Lehre Jesu und nicht in dessen Erlösungswerk erblickte.
Ich kann hier auf die Entwicklung der Gnaden- und Rechtfertigungslehre Augustins im einzelnen nicht eingehen. Folgendes bleibe jedoch nicht unerwähnt: Etwa zehn Jahre nach seiner Bekehrung erhielt er bereits als Bischof ein Schreiben von Simplician, seinem bischöflichen Kollegen aus Mailand. Dieser legte ihm die heikle Frage vor, welche Rolle denn der Gnade und welche der Willensfreiheit bei der Bekehrung eines Menschen zukomme. Augustinus vertiefte sich daraufhin erneut in die Briefe des Apostels Paulus. Bei der Lösung dieser Frage Simplicians, so notierte er später, habe er zwar eine Menge zugunsten auch des freien Willens vorgebracht, die Gnade Gottes habe jedoch gegenüber dem Wollen des Menschen gesiegt (retr. 2,1).
Um die dominierende Bedeutung der Gnade für das Verständnis christlicher Existenz zu illustrieren, schrieb Augustinus seine Bekenntnisse. Sie sollten die Leser daran erinnern, was offenbar allmählich bereits in Vergessenheit geraten zu sein schien, dass das Wort von der Gnade und von der Rechtfertigung des Sünders das Herzstück des Evangeliums sei. Zu den Höhepunkten der Bekenntnisse, die neben den Großtaten Gottes in der Schöpfung allem voran Gottes Erbarmen und darin die Macht seiner Gnade rühmen, zählt zweifelsohne die Bekehrung ihres Autors im 8. Buch. Sie ist literarisch betrachtet buchstäblich inszeniert, das will sagen, in Szene gesetzt. Augustin schildert sie mit großem sprachlichen Können.
Ihre Dramaturgie beginnt bereits mit der Ankunft des jungen Professors der Rhetorik in Mailand und sie hat gleich mehrere, eigentlich schon von der Gnade herbeigeführte Vorgeschichten: Im Einzelnen sind dies: die Begegnung mit dem Bischof Ambrosius, das Kennen lernen der neuplatonischen Philosophie, die Lektüre der Paulusbriefe, die Erzählungen des Simplician über einige an Wunder grenzende Bekehrungsgeschichten bekannter Persönlichkeiten. Dann erst folgt als Höhepunkt die Aufforderung an Augustinus durch die wiederholte Stimme eines Kindes: Nimm und lies!
Die Szenerie ist durchsichtig: Nicht der Mensch Augustinus, sondern Gottes Gnade verwandelte dessen alten, fleischlichen Willen zu einem neuen geistigen. Gottes Gnade bewirkt dies aber nicht, indem sie den freien Willen des Menschen vergewaltigt, sondern indem sie die Ketten, die den Willen niederhalten, allmählich, gelegentlich auch plötzlich, lockert. Wie Gott dies herbeiführt und aufrecht erhält, dies ist das erregende Thema dieser epochalen Schrift.
In den Bekenntnissen kommt des öfteren der Satz vor, der die augustinische Gnaden- und Rechtfertigungslehre gleichsam auf den Punkt bringt: Gib, was du befiehlst, und (dann) befehle, was du willst (conf. 10,40.45.60). Es gehört zur Tragik dieser von Christen nach dem Neuen Testament vielleicht meistgelesenen Schrift, dass gerade sie bzw. der zitierte Satz jenen Streit unter den gebildeten Christen auslöste, der eigentlich bis zur Gegenwart nicht zur Ruhe kam. Als nämlich Pelagius, ein britischer Wandermönch und Zeitgenosse Augustins, dessen Bekenntnisse las, nahm er an dem zitierten Satz Anstoß. Er löste daraufhin eine Bewegung innerhalb der Kirche aus, die den Akzent bei der Verkündigung des Evangeliums entschieden auf das sittliche Tun und Lassen legte und die eigentlichen Glaubenswahrheiten, die sich insbesondere in den Feiern der Mysterien der Taufe und der Eucharistie artikulieren, ihrer Heilsbedeutung entleerte. Augustinus erkannte, dass mit dieser die Gnade gegenüber dem sittlichen Handeln hintansetzenden Lehre der Pelagianer, so hießen die Anhänger der Bewegung, die Substanz des Evangeliums auf dem Spiel stand. Sein ganzes theologisches und literarisches Können bot er auf, um diese Art der Verkündigung in die Schranken zu weisen.
Nun ist es im Hinblick auf die Geschichte der Theologie interessant zu wissen, dass ein Hintansetzen der Gnade gegenüber anderen Inhalten des Evangeliums sich in den Kirchen des öfteren wiederholt hat. Ich erinnere neben dem theologischen Anliegen Martin Luthers im 16. Jahrhundert an das gleiche Anliegen Karl Barths zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Und erst im Jahr 1990 erschien eine von Philosophen Kurt Flasch kommentierte Übersetzung der bereits erwähnten Schrift Augustins An Simplicianus unter dem Titel Logik des Schreckens. Der frühe Augustinus, so ist darin zu lesen, habe in Fehldeutung der Paulusbriefe sich zum Klassiker der religiösen Intoleranz und zu einem Denker tiefsinniger Schroffheiten verwandelt. Nun wäre zu fragen: Haben Martin Luther und Karl Barth diese Fehldeutungen der Paulusbriefe durch Augustinus nicht gesehen?
Kenner der Geschichte der Kirchen machen darauf aufmerksam, dass, wo immer das Thema der Gnade nicht mehr gebührend zur Sprache komme, die Theologie verkümmere: die Christologie degeneriert zur Jesuologie – Jesus ist dann nicht mehr der ‹Herr›, nicht mehr der ‹Retter›, nicht mehr der ‹Erlöser›, sondern lediglich unser Bruder; die Lehre von Gott dem Dreieinen mutiert dann zur überflüssigen Spekulation; in der Lehre von der Kirche, verschwindet die im Neuen Testament so beliebte und von Augustinus bevorzugte Identifikation der Christen mit dem ‹Leib Christi›.
Nun lehrt die Geschichte der Kirchen allerdings auch, dass solche Degenerationsphänomene in der Theologie stets überwunden zu werden pflegten durch Besinnung auf die Bedeutung der Gnaden- und Rechtfertigungslehre. Dabei spielte und spielt immer noch jeweils im Sinne eines Paradigmenwechsels eine erneute Vertiefung in die Lektüre der Briefe des Apostels Paulus sowie in die Schriften des Augustinus eine wichtige Rolle.
Es sei zum Schluss rühmend erwähnt, dass die Augustinus-Oper die Macht der Gnade ebenfalls gebührend zur Sprache und zum Klingen bringt. In der Werkeinführung steht zum 5. Bild zu lesen, zwischen Adeodatus, dem Sohn Augustins sowie seiner Konkubine Stelle und den Philosophen entspinne sich ein höchst tiefsinniger Dialog darüber, was der Mensch denn zu seinem Glück zu tun vermöge. Am Ende laute die Botschaft des Adeodatus, die vom Chor gleich (mehrfach) wiederholt wird:.«Wir vermögen nichts aus uns selbst. ‹Wisse, o Mensch, und sei eingedenk: Alles ist Gnade, alles Geschenk›». Die Stimme eines Philosophen rezitiert dann jenen Textabschnitt aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus, den auch Augustinus in seinen Gnadenschriften zu wiederholen nicht müde wurde. Ich zitiere nach dem Libretto: «Was hat der Mensch, das er nicht empfangen hat? Und warum rühmt er sich, als hätte er es nicht empfangen?»
Anstelle einer Zusammenfassung zwei Bemerkungen: 1. Die Kirchenoper in 7 Bildern über Augustinus von Wilfried Hiller und Winfried Böhm dürfte selbst aufs Beste die anhaltende Aktualität Augustins dokumentieren. 2. Die Kirchenoper, die sich sehen und hören lassen kann, ist eine Hommage an den Mann, wie Eingangs zitiert, «in der Antike und in der Kirche nicht seinesgleichen gehabt hat».

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