ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

DIE BEDEUTUNG DER BIBELAUSLEGUNG FÜR DIE PASTORAL NACH DER LEHRE DES HL. AUGUSTINUS
Konventsansprache am 3.2.2004 von Cornelius Petrus Mayer OSA

Ich hatte bereits im Advent 2002 zum Beginn des Bibeljahres eine Ansprache für den Konvent im Augustinerkloster Würzburg vorbereitet, welche die Rolle der Bibel und ihre Auslegung in der Theologie und in der Pastoral unseres Ordensvaters zum Thema hatte. Ich kam damals nicht zum Zuge, denke aber, das Thema ist nach wie vor aktuell.

Zunächst Folgendes: Augustinus war noch Priester, als im Jahr 393 in der Basilika Pacis zu Hippo eine Generalsynode der Gesamtprovinz Afrika stattfand. Die anwesenden Bischöfe beauftragten dennoch ihn mit einem Referat.

Augustinus nennt es eine ‹disputatio›, also eine Rede, die der Diskussion zugrunde lag, und er wählte ein Thema, dessen Inhalt sich auf die vornehmste Aufgabe der Bischöfe, nämlich auf die Glaubensverkündigung, bezog.

Zugleich sollte das Verkündete so erklärt werden, dass das Kirchenvolk auch verstand, was es glaubte, um, durch die Predigt informiert, den Irrlehren und Spaltungen widerstehen zu können.

Augustin hat dieses Referat – offensichtlich auf Drängen einiger Bischöfe – unter dem Titel Glaube und Bekenntnis veröffentlicht.

Gegenstand der Verkündigung war natürlich die Bibel. Sie las man in den Gottesdiensten, sie erklärte man in den Predigten und auch im katechetischen Unterricht.

Indes, was alles Heilige Schrift ist, lag bis zu dieser Synode von Hippo nicht fest. Es fällt nicht schwer, in der Person Augustins jene Kraft zu sehen, welche die auf der Synode anwesenden Bischöfe von der Notwendigkeit einer Begrenzung des Kanons der Heiligen Schrift überzeugte. Der Beschluss wurde gefasst und auf zwei weiteren Synoden, auf denen in Karthago 397 und 419, auf denen Augustin bereits als Bischof federführend zugegen war, bestätigt. So viel zum Kanon der Bibel.

Kaum hatte Augustinus die Leitung der Diözese von Hippo in den Jahren 395/396 übernommen, als er seine wirkungsgeschichtlich vielleicht bedeutsamste Schrift zu verfassen sich anschickte. Er gab ihr den Titel Die christliche Wissenschaft. Darin geht es um die rechte Auslegung der biblischen Texte und es überrascht nicht, dass gerade diese Schrift durch das ganze Mittelalter hindurch als das Lehrbuch der westlichen Christenheit galt.

Was hat den jungen Bischof zur Abfassung dieser 4 Bücher umfassenden Schrift bewogen? Die Antwort lautet einfach: Die Sorge um das rechte Verstehen der biblischen Texte als Gottes Wort.

Wohlgemerkt, Augustinus hat nicht wie jener legendäre Kalif, der die Bibliothek von Alexandrien anzünden ließ, weil alles Wahre im Koran stünde, gesagt, es gäbe nur eine, nämlich die christliche Wissenschaft. Er wollte jedoch dem Studium der Bibel den Rang einer Wissenschaft einräumen, und zwar in aller Deutlichkeit.

Im Vorwort zu diesem Werk erfahren wir, dass es Christen gab, die einer charismatischen Bibelauslegung das Wort redeten, sich dabei auf den hl. Antonius, den Wüstenvater, beriefen und eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel radikal ablehnten. Sie klammerten sich an innere, letztlich freilich unkontrollierbare Eingebungen. Augustinus begegnet ihnen mit sachlichen, manchmal allerdings auch mit Ironie gewürzten Argumenten.

Zwar könnte uns Gott sein Wort prinzipiell durch Engel rein innerlich vermitteln, aus der bekannten, durch die Sünde beeinträchtigten Heilsordnung erfolgte jedoch die Offenbarung mittels einer Kette von Ereignissen, wovon uns die Bibel, sich dabei der Sprache bedienend, kündet.

Wie man mit der Sprache der Bibel umgeht, dafür gibt es Regeln, Vorschriften für jedwede Textbehandlung, wofür die Wissenschaften, die Grammatik, die Kunst der Rede, die Schlüssigkeit des Argumentierens usw. usf. zuständig sind.

Sind diese Regeln ebenso zuverlässig wie die Bibel selbst? Augustinus beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen Ja. Denn Erkenntnisse sind Einsichten in Sachverhalte, die Geltung beanspruchen. Da Gott nicht allein Quelle der Wahrheit der Bibel, sondern auch die des Wissens ist, kann es keinen Grund für eine Ausklammerung der Wissenschaften bei der Beschäftigung mit den biblischen Texten geben.

Aufgabe der christlichen Wissenschaft ist somit das Lehren und Lernen von Regeln, die uns das rechte Lesen und Verstehen der Bibel ermöglichen. Wer diese Regeln anzuwenden und mit den darin angegebenen Hilfsmitteln umzugehen versteht, der wird, so Augustinus, darin die Wege erkennen, die ihn über die Wahrheit der Heiligen Schrift zu Gott führen.

Ich kann die Mitbrüder, die mit der Verkündigung betraut sind, nur ermuntern, wenigstens das erste Buch von der christlichen Wissenschaft zu lesen und sich das Gelesene anzueignen. In einer sehr einfachen, aber doch eindringlichen Sprache legt Augustinus darin die Prinzipien seiner Hermeneutik, die obersten Normen seiner Bibelauslegung dar, die, wie schon erwähnt, nicht allein für den theologischen, sondern für den geisteswissenschaftlichen Unterricht der folgenden Jahrhunderte wegweisend geworden sind.

Da steht gleich auf den ersten Seiten der lapidare Satz: «Jedwede Wissenschaft hat es mit Sachen und mit Zeichen zu tun; die Sachen werden durch die Zeichen erlernt». Also, die Sachen stehen im Vordergrund. Die Zeichen sind um der Sachen willen da und nicht umgekehrt.

Natürlich sind die Sachen nicht gleichwertig, denn die einen sind zum Gebrauch da, die anderen zum Genuss – zum Gebrauch jene, die vergehen, zum Genuss jene, die bleiben. Die zu gebrauchenden sollen uns zur Erlangung der zu genießenden verhelfen.

Im strikten Sinn des Wortes ist Gott allein, und zwar der dreieinige, Gegenstand des Genusses, und es leuchtet auch ein, weshalb: weil er als der Unveränderliche vor allem Veränderlichen den Vorzug verdient.

Wie aber kommt der sterbliche Mensch – bei Augustinus immer auch der Sünder! – zum Genuss Gottes? Das ist die Frage aller Fragen. Und nun bringt Augustinus die Bibel ins Spiel, denn er beantwortet sie mit dem Heilshandeln des dreieinigen Gottes in der Zeit, das sich als Offenbarung artikuliert und als ‹Wort Gottes› im Kanon heiliger Schriften niederschlägt.

Dreh- und Angelpunkt aller Offenbarung ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Die Schriften der Bibel sind von Christen auf diesen, im Erlösungswerk Christi gipfelnden Höhepunkt des Heilshandelns Gottes in der Zeit zu lesen und zu verstehen und darum auch auszulegen.

Die Sache der Bibel ist direkt der dreieinige Gott und indirekt dessen Heilshandeln in der Zeit. Es ist wichtig zu sehen, dass in diesem Handeln er die Regie führt und dass er sich gerade darin als der Erbarmende, als der Liebende erweist. Deshalb kommt dem Liebesgebot bei der Auslegung der Heiligen Schrift ebenfalls eine zentrale Stellung zu.

Freilich spielen bei der Schriftauslegung auch der Glaube und die Hoffnung eine nicht geringe Rolle, aber sie sind nicht deren Ziel. Weil hingegen die Liebe ‹Ziel und Fülle des Gesetzes› ist, erscheint eine falsche Auslegung – sofern sie die Liebe nicht hintansetzt, sondern fördert – nicht als verkehrt, lehrt Augustinus, wenngleich er hinzufügt, eine falsche Auslegung, wird sie als solche erkannt, solle tunlichst verbessert werden.

Wie dies zu bewerkstelligen ist, das lehren die Bücher 2 und 3, die von den Zeichen handeln, auf die ich hier nicht mehr eingehen kann, obgleich sie es sind, die uns den rechten Umgang mit der Bibel lehren.

Nur so viel: Alles in der Welt kann, sobald es uns auf etwas anderes aufmerksam macht, zu einem Zeichen werden. Weil Zeichen prinzipiell mehrdeutig sein können, deshalb ist ihre gründliche Kenntnis so ungemein wichtig. Die christliche Wissenschaft kann und darf auf sie nicht verzichten.

Ich habe eingangs jene Christen erwähnt, die von einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Bibel nichts wissen wollten. Sie gab es in der Kirche offensichtlich schon immer. Mit seiner Schrift von der christlichen Wissenschaft hat Augustinus sie mit guten Argumenten in die Schranken gewiesen.

Es stünde uns Augustinern gut an, wenn wir uns in puncto Bibellektüre – jeder nach seiner Fähigkeit – einiges von dem beherzigen würden, was Augustinus nicht nur von seinem Klerus, sondern von allen mit der Verkündigung in der Kirche Beauftragen erwartete, für die er jenes fundamentale Werk schrieb.

Dass Augustinus damit neben den wissenschaftlichen auch pastorale Absichten verfolgte, dies zeigen seine Confessiones, die er unmittelbar nach Abfassung von den ersten drei Büchern über Die christliche Wissenschaft zu schreiben begann.

Gott allein, so lehrt Augustinus, kann nicht Zeichen sein. Umgekehrt kann und soll alles außer ihm zum Zeichen auf ihn hin werden. Dies illustrieren die Confessiones – und auch die Rolle, welche die Bibel mit ihrem Arsenal von Zeichen bis zur Bekehrung Augustins gespielt hatte und danach immer noch spielte. Letzteres bezeugt beinahe jede Seite der Confessiones, bei deren Lektüre der Leser oft nicht weiß, ob ihr Verfasser sich seines eigenen Wortschatzes oder des Wortschatzes der Bibel bedient.

Die Faszination, die von den Confessiones ausgeht, dürfte ihren Grund nicht zuletzt in diesem ihren erlesenen biblischen Wortschatz haben. Wir könnten uns also kaum einen besseren Lehrmeister für unsere Bibellektüre wünschen als unseren Ordensvater Augustinus.

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