ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

ÖKUMENISCHE BILDUNGSTAGE 2004
«LEBENSBILDER – VORBILDER (?)»
Männer und Frauen aus verschiedenen Epochen als Vorbilder neu entdecken[1]

von Cornelius Petrus Mayer OSA

Der heilige Augustinus

Seine Person, sein Werk und seine Vermittlung einer auf Christus und auf die Kirche bezogenen Spiritualität

Ich möchte Ihnen nicht verhehlen, dass Ihr Rahmenthema, «Lebensbilder – Vorbilder (?). Männer und Frauen aus verschiedenen Epochen als Vorbilder neu entdecken», meine Aufgabe, Augustinus Ihnen nahe zu bringen, zum Teil erleichtert, zum Teil auch erschwert. Erleichtert, weil es kaum mehr autobiographisches Material über eine Persönlichkeit aus der christlichen Spätantike gibt als über Augustinus, erschwert, weil Augustinus trotz der Fülle an Informationen, die wir über ihn haben, und trotz der Bedeutung, die er in den Kirchen hat, kein Volksheiliger wie etwa Franziskus oder Elisabeth von Thüringen geworden ist.

Das Fragezeichen hinter dem Wort ‹Vorbilder› mochte dies vielleicht bereits andeuten. Dennoch meine ich, Sie trafen mit Augustinus für einen Ihrer drei Abende eine gute Wahl, und zwar aus einem doppelten Grund: Sie nennen Ihre Veranstaltung ‹Bildungstage› – wer war gebildeter als Augustinus? Dann aber verfolgen Sie mit Ihren Bildungstagen eine ‹ökumenische› Zielsetzung – welche der christlichen Kirchen beruft sich in bezug auf ihre Theologie nicht auf diesen Kirchenvater. Ich hoffe also, mit meinem Referat diesem doppelten Anliegen gerecht zu werden.

Adolf von Harnack, der renommierte evangelische Kirchenhistoriker, nannte Augustinus den Mann, «der überhaupt in der Antike und in der Kirchengeschichte nicht seinesgleichen gehabt hat»[2]. Des Kirchenvaters Stellung in der abendländischen Geistesgeschichte ist in der Tat einmalig. Die Literatur um seine Person und um sein Werk wächst von Jahr zu Jahr immer noch um einige hundert Titel. In Würzburg entsteht zur Zeit ein von zahlreichen Spezialisten in aller Welt erarbeitetes Augustinus-Lexikon. Dort gibt es auch eine mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung erstellte, mehr als fünf Millionen Wörter umfassende Konkordanz all seiner Schriften.

Wer war dieser Mann, der trotz einer schon mehr als anderthalb Jahrtausende anhaltenden Wirkungsgeschichte an Aktualität nichts eingebüßt zu haben scheint? Worüber dachte, redete und schrieb er? Wodurch und womit faszinierte er seine Zeitgenossen, prägte er seine Umgebung und wirkte er so mächtig in die Geschichte hinein, dass am Gespräch mit ihm selbst unsere Gegenwart noch interessiert ist?

Augustinus wuchs aus der antiken Kultur hervor. In seiner Person hat die Antike die in ihr vorhandene künstlerische Gestaltungskraft noch einmal zusammengefasst. Er wuchs aber durch seine Bekehrung zum Christentum über sie hinaus. Im Unterschied zu den meisten Persönlichkeiten der alten Kirche sind unsere Kenntnisse über Augustinus alles andere als dürftig. Der Grund dafür liegt zunächst darin, dass er seine Confessiones - Bekenntnisse schrieb. In diesem außergewöhnlichen Werk der Weltliteratur hatte er seine eigene Biographie von frühester Jugend bis zu seiner Bekehrung zum Christentum deutend verarbeitet.

Über sie vermerkt Augustinus: «Die dreizehn Bücher meiner Bekenntnisse preisen Gott, den Gerechten und Guten um des Bösen und des Guten willen, das ich in mir gefunden, und sie lenken des Menschen Sinnen und Trachten auf ihn hin. Was mich betrifft, so erfuhr ich dies schon beim Schreiben und ich erfahre es immer noch beim Lesen. Was andere davon halten, das mögen sie selber sehen. Ich weiß jedoch, dass sie vielen Brüdern gefallen haben und immer noch gefallen»[3].

Selbstverständlich dient auch das übrige Schrifttum Augustins, seine Bücher mit 113 Titeln, 245 Briefe (etwa ein Achtel derer, die er schrieb) und 575 Predigten (etwa ein Zehntel der gehaltenen), als Quelle für seine Biographie. Von außergewöhnlicher biographischer Dichte sind die sogenannten Retractationes - Nachprüfungen. Der greise Bischof hat nämlich in einer Art schriftstellerischer Beichte jedes einzelne seiner Werke nochmals durchgesehen, und dabei fügte er zu vielen Schriften wertvolle Informationen über die Zeit, die Dauer und den Ort des Entstehens sowie über den Anlass zur Abfassung eines Werkes bei.

Neben all diesem autobiographischen Material ist schließlich noch die Vita des Bischofs Possidius, eines Zeitgenossen und engen Vertrauten Augustins, zu erwähnen. Freilich kann sie sich weder in Form noch in Inhalt mit den Confessiones messen.

Aurelius Augustinus wurde am 13. November 354 in Thagaste (heute Algerien) geboren. Sein Vater Patricius, ein städtischer Beamter und möglicherweise Nachkomme eines römischen Veteranen, ließ dem begabten Sohn eine klassische Ausbildung zuteil werden. Trotzdem blieb sein Einfluss auf die geistige Entwicklung seines Sohnes geringer als der der Mutter Monnica, die im Gegensatz zu ihrem Mann gläubige Katholikin war und ihre nicht getauften Kinder christlich erzog.

Den Elementarunterricht erhielt Augustinus in seiner Vaterstadt. Zur Weiterbildung in Grammatik und Rhetorik wurde er nach Madaura, unweit Thagaste, gesandt. Da die Mittel für ein Hochschulstudium fehlten, kehrte Augustin für ein Jahr in seinen Heimatort zurück. Nachdem es den Eltern gelungen war, mit Hilfe eines Gönners, des Großgrundbesitzers Romanianus, die Kosten aufzubringen, zog der junge Mann im Jahre 370 nach Karthago. Dort genoss er die Freiheiten eines sorglosen Studentendaseins. Er ging häufig ins Theater, nahm sich eine Konkubine, die ihm, dem Neuzehnjährigen, einen Sohn gebar. Er gab diesem den Namen ‹Adeodatus - von Gott geschenkt›.

Zum Studium der Rhetorik gehörte die Lektüre der Werke Ciceros. Augustin berichtet: «Im Verlauf des Studiengangs kam ich an das Buch eines gewissen Cicero ... Es enthält seine Aufforderung, sich der Philosophie zu widmen, und trägt den Titel Hortensius. Jenes Buch führte eine Wende in mir herbei»[4]. Wie sehr sich indes Augustin diese Wende nur unter religiösen Leitbildern vorzustellen vermochte, zeigt seine Reaktion: Er war enttäuscht, dass er darin den Namen Christi, «den er schon mit der Muttermilch fromm in sich hineingetrunken hatte» nicht fand[5]. Er beschloss deshalb, in Sachen Weisheit mit Hilfe der Bibel weiterzukommen. Als Grammatiker und Rhetor hatte er jedoch mit dem Stil der Bibel Schwierigkeiten. Außerdem plagte ihn die ungelöste Frage nach dem Ursprung des Bösen.

Die Manichäer, Anhänger einer vom Perser Mani im 3. Jahrhundert n. Chr. aus unterschiedlichen Strömungen zusammengesetzten Religionsgemeinschaft, versprachen, ihm eine einsichtige Antwort auf diese Frage zu geben. Sie lehrten, in der Welt stünden sich das Gute und das Böse als einander ausschließende Prinzipien gegenüber (ontologischer Dualismus), in der Sprache des Mythos: die Mächte der Finsternis denen des Lichtes. Das gegenwärtige Unheil bestehe in der Vermischung der beiden Prinzipien; Erlösung hingegen meine letztlich Befreiung und Sammlung des Guten aus der mit der Materie identischen Welt des Bösen.

Was Augustin am Manichäismus fasziniert hatte, war der Rationalitätsanspruch der manichäischen Dogmatik. Dennoch vermochte er sich nicht dem engeren Kreis der ‹Auserwählten› anzuschließen. Er blieb während seiner neunjährigen Mitgliedschaft ein bloßer ‹Hörer›. Sein missionarischer Eifer war trotzdem beachtlich. Er gewann nicht wenige für die Sekte und nahm sogar die Entfremdung zwischen sich und seiner Mutter in Kauf, die ihm vorübergehend das Haus verbot.

Augustin brachte als Zwanzigjähriger seine Studien zum Abschluss. Er lehrte zunächst kurze Zeit in seiner Vaterstadt Thagaste (373-374) und dann bis 383 in Karthago Rhetorik. Seine Lehrtätigkeit ließ ihm genug Zeit zu intensiven wie extensiven Studien. Er las ohne Anleitung die Schrift des Aristoteles über die Kategorien, die als besonders schwierig galt. Er vertiefte sich in das Studium der Freien Künste und eignete sich eine Unmenge enzyklopädischen Wissens an, das ihn allmählich vom Manichäismus entfremdete.

Um diese Zeit wachsender Distanz zum Manichäismus verließ Augustin 383 seine Wirkungsstätte. Er zog nach Rom. Als Grund geben die Confessiones das lümmelhafte Benehmen der karthagischen Studenten an[6]. Aber die Studenten dort enttäuschten ihn nicht weniger, denn sie blieben ihm vielfach das Honorar schuldig[7]. Er war darum froh, als sich seine finanziellen Verhältnisse durch seine Berufung zum Professor der Rhetorik in Mailand entschieden verbesserten. Der Umzug erfolgte noch vor dem dreißigsten Geburtstag 384. Monnica zog bald mit den Verwandten von Afrika nach. Auf ihren Einfluss hin entließ er jetzt, da er eine standesgemäße Heirat anstrebte, die Mutter seines Sohnes. Weil ihm sexuelle Enthaltsamkeit zusetzte, verschaffte er sich zwischenzeitlich eine andere Konkubine[8].

In Mailand begegnete Augustin das Christentum in der imponierenden Gestalt des Bischofs Ambrosius. Er begann dessen sonntägliche Gottesdienste zu besuchen, zunächst freilich nur «um zu prüfen, ob dessen Redekunst mit ihrem Ruf in Einklang stünde»[9]. Der Prediger entnahm das weltanschauliche Gerüst seiner Darlegungen nicht nur der Bibel, sondern auch der neuplatonischen Philosophie, so dass Augustin die biblische Theologie wahrscheinlich schon im Kontext platonischen Denkens kennen lernte. Hinzu kommt, dass er in Mailand Kontakte auch zu einem Kreis christlicher Intellektueller geknüpft hatte. Von einem solchen wurden ihm die Schriften Plotins in die Hände gespielt[10].

Augustin verdankte deLektüre dieser Schriften die Einsicht in die Immaterialität des geistig Seienden und damit zugleich die Überwindung des manichäischen Dualismus. Er begriff die raum- und zeitlose Natur Gottes sowie die ordnende und strukturierende Macht des Geistigen in der materiellen Welt. Hand in Hand mit solchen Klärungen philosophisch-weltanschaulicher Fragen ging eine Annäherung an das Christentum. Augustin verglich seine durch den Neuplatonismus gewonnenen Einsichten mit der Bibel. Er stellte dabei Gemeinsamkeiten – freilich auch Unterschiede – fest[11]. Die Gemeinsamkeiten reichten jedoch hin, um ihn vom Zugang zur christlichen Offenbarungslehre auch mit Hilfe der Vernunft ein für allemal überzeugt zu haben.

Christsein ist jedoch mehr als natürliche Gotteserkenntnis und Sittlichkeit. Es hat das Ein- und Zugeständnis der Ohnmacht, das Heil aus eigenem Vermögen wirken zu können, zur Voraussetzung. Gewiss gipfelt das Christsein in der ‹caritas›, aber nur jene Liebe baut auf, die in der Demut gründet, und sie wird in Christus Jesus erfahren[12]. «Noch fasste ich nicht in Demut Jesum, meinen demütigen Gott», schreibt Augustin am Ende seines Berichtes über das Kennen lernen der für seine Bekehrung so wichtigen Philosophie der Neuplatoniker. «So suchte ich nach dem Weg ... und ich fand ihn nicht, bis ich umfasste ‹den Mittler zwischen Gott und Mensch, den Menschen Christus Jesus› (1 Tm 2,5)»[13].

Nach der Schilderung der Confessiones begegnet uns von diesem kognitiven Wandel ab in Mailand ein Augustinus, dem sein gewohntes Leben von Tag zu Tag mehr zur Last wurde. Er sucht neue Wege, um vorwärts zu kommen, und greift zu den Schriften des Apostels Paulus[14]. Diesen Griff nach den Paulinen zeichnet er besonders anschaulich in dem bald nach seiner Bekehrung geschriebenen Dialog Gegen die Akademiker: «Eilends kehrte ich ganz und gar zu mir zurück. Dennoch, ich gestehe es, schaute ich mich gleichsam wie auf einer Wanderung nach jenem Land um, das uns als Kindern eingepflanzt und ins Mark eingesenkt wurde. In der Tat, dieses Land meiner Kindheit zog mich ohne mein Wissen an. Und siehe, da greife ich bald schwankend, bald eilend, bald wieder zögernd nach dem Apostel Paulus ... Mit größter Aufmerksamkeit und Ehrerbietung las ich ihn ganz durch»[15].

Waren auf der kognitiven Ebene bereits alle Hindernisse beseitigt, so musste auf der emotionalen noch einiges in Gang gesetzt werden. Sein Wille sei noch «wie in Ketten gebunden» heißt es in den Confessiones[16].

Diese Trägheit überwanden Impulse, die Augustinus durch Erzählungen dreier Bekehrungserlebnisse gerade zur rechten Zeit zu hören bekam: die Bekehrung des Marius Victorinus, des Mönchsvaters Antonius und zweier kaiserlicher Offiziere.

Was das Leben des Victorinus betraf – er kam ca. 340 nach Rom, wurde im Jahre 355 getauft und starb im Jahre 361 –, so musste Augustinus in dessen Bekehrungsgeschichte gleichsam das Spiegelbild seiner eigenen sehen. Jener war ein gefeierter Rhetor, ein belesener Philosoph, Lehrer, dazu Landsmann, Afrikaner, der durch die Lektüre der Schrift zum Christentum kam[17]. Die Bekehrungsgeschichte des Antonius konfrontierte ihn mit der Existenz des christlichen Mönchtums. Die Idee eines gemeinsamen Lebens mit Gleichgesinnten war im Mailänder Freundeskreis Augustins schon des öfteren besprochen worden. Der Plan scheiterte jedoch an der Frage der Teilnahme der Ehefrauen an dieser Lebensform (conf. 6,14). Antonius und die ägyptischen Mönche brachten es fertig, wozu die Bibel riet: zum Rückzug aus der Welt. Zwei kaiserliche Offiziere, so lautete die dritte Geschichte, fanden auf einem Ausflug bei Trier in einer Mönchszelle die Vita dieses Antonius. Nach deren Lektüre verließen sie ihre Bräute, gaben ihre Karriere auf und wählten für sich die monastische Lebensform[18].

Nun schlug für Augustin die Stunde der Bekehrung. Die Confessiones schildern sie mit hohem sprachlichen Können. Augustin spricht «von einem großen Aufruhr im Innern seines Hauses»[19]. Er stürmt auf seinen Freund Alypius zu, der schon seit der Zeit in Karthago seine geistige Entwicklung mitverfolgte: «Hast du das gehört? Ungebildete stehen auf und reißen den Himmel an sich, und wir mit unserer Bildung ohne Herz wälzen uns in Fleisch und Blut». In diesem Zustand ging er in der Garten. Er ließ sich dort unter einem Feigenbaum nieder und klagte sich unter Tränen heftig an: «Wie lange noch, wie lange morgen und morgen? Warum nicht jetzt? ... Solches sprach ich ... Und siehe, da höre ich eine Stimme aus dem Nachbarhaus, ob es ein Knabe oder ein Mädchen ist, weiß ich nicht, die in singendem Ton oftmals wiederholt: ‹Nimm und lies! Nimm und lies!› Sofort veränderte sich mein Antlitz und ich begann gespannt nachzudenken, ob Kinder in irgendeinem Spiel derartiges zu leiern pflegen, aber ich erinnerte mich nicht, je solches gehört zu haben. So hielt ich den Strom meiner Tränen zurück und erhob mich; denn ich konnte es nicht anders deuten, als daß mir von Gott befohlen werde, ein Buch zu öffnen und dort das erste Kapitel zu lesen, das ich finden würde». So kehrte er eilends zu Alypius zurück, wo er die Briefe des Apostels liegengelassen hatte. Er greift danach und liest Rm 13,13f.: «Nicht in Gelagen und Zechereien, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Hader und Eifersucht, ziehet vielmehr den Herrn Jesus Christus an und pflegt nicht das Fleisch zur Erregung eurer Lüste». Weiter wollte er nicht lesen, denn Licht erfüllte sein Herz, und alle Finsternis war wie zerstoben[20].

Nach der Bekehrung gab Augustin sein Lehramt auf. Er zog sich mit einer kleinen Schar von Verwandten, Freunden und Schülern auf das Landgut Cassiciacum, unweit Mailand, zurück, das ihm sein Freund Verecundus für einige Zeit zur Verfügung stellte[21]. Dort verbrachte er den Herbst und auch den Anfang des Winters in philosophischen Gesprächen, mit Vergillektüre, Meditation und Gebet. Dort entstanden auch seine ersten uns überlieferten Schriften. Im Winter kehrte er zur Vorbereitung auf die Taufe, die er in der Osternacht aus den Händen des Bischofs Ambrosius empfing, nach Mailand zurück[22].

Noch in diese Zeit seines Mailänder Aufenthaltes fällt die Konzeption eines auf viele Bände geplanten Unterrichtswerkes zu den Freien Künsten. Ziel dieser neu konzipierten Enzyklopädie war eine Reform des gesamten Unterrichtswesens. Die neuen Lehrbücher sollten das pädagogisch-didaktische Anliegen verfolgen: «die Lernenden vom Körperlichen zum Unkörperlichen zu führen»[23].

Wie sehr der Neubekehrte von diesem zweifelsohne nicht nur christlichen, sondern weithin auch neuplatonischen Programm des ‹Aufstiegs› fasziniert war, zeigt das Gespräch, das er mit seiner Mutter Monnica kurz vor deren Tod in der Hafenstadt Ostia führte. Gewiss, die Confessiones geben den Inhalt dieses in eine Exstase mündenden Gespräches aus verklärter Erinnerung wieder[24]. Dennoch dürfte der Tenor des Gespräches, dessen beinahe lyrischer Text mit zu den Höhepunkten der Confessiones zählt, treffend die Geistesverfassung des in die Heimat Zurückkehrenden spiegeln, der seit seiner Bekehrung nichts Wichtigeres mehr im Sinne hatte als den ‹Stufengesang›, wie er den kontemplativen Aufstieg nannte[25].

Monnica starb kurze Zeit später im 56. Jahre ihres Lebens. Augustin versuchte zunächst seinen Schmerz über den Verlust der Mutter zu unterdrücken, nachdem aber die Trauerfeier zu Ende und er mit seinem Gott allein war, gab er dem Ungestüm seines Empfindens nach. Auch durch die Schilderung dieser seiner Empfindungen setzte er seiner Mutter ein literarisches Denkmal: «Und ich ließ meinen Tränen, die ich zurückhielt, freien Lauf, dass sie entströmten, wie sie wollten, und ich bettete mein Herz auf sie: Und es fand Ruhe in ihnen ... Und nun, Herr, bekenne ich es dir in geschriebenen Worten. Und mag es lesen, wer will, und mag es deuten, wie er will, und findet er es sündhaft, dass ich den Bruchteil einer Stunde um meine Mutter geweint, die Mutter, die meinen Augen für jetzt gestorben war, die so viele Jahre um mich geweint, dass ich vor deinen Augen zum Leben käme, der lache nicht, es weine vielmehr auch er selbst, wenn er reich an Liebe ist, für meine Sünden zu dir, dem Vater aller Brüder deines Christus»[26].

Nach einem durch die Wintermonate und politische Wirren erzwungenen einjährigen Aufenthalt in Rom, wo Augustin seine schriftstellerische Arbeit fortsetzte, kehrte er 388 nach Thagaste zurück. Er verkaufte einen Teil der väterlichen Besitzungen und zog sich mit Gleichgesinnten zu einem gemeinsamen, philosophisch geprägten asketisch-monastischen Leben zurück (388-390).

Indes, der Ruf der Gelehrsamkeit und des Lebenswandels Augustins verbreitete sich rasch. Und so geschah es, dass er, als er eines Tages in der Hafenstadt Hippo Regius weilte und den dortigen Gottesdienst besuchte, von der versammelten Gemeinde zum Priester gewählt wurde. Gerade an dem Tag trug der schon greise Bischof Valerius seiner Gemeinde den Wunsch nach der Wahl eines jüngeren Priesters vor. Augustin war 37 Jahre alt, als Valerius ihm Anfang 391 die Hände auflegte. Er ließ sich zunächst für einige Wochen beurlauben, um sich durch intensiveres Bibelstudium auf seine kommenden Aufgaben vorzubereiten[27].

Obgleich das Predigeramt nach der damaligen afrikanischen Gepflogenheit dem Bischof allein zustand, beauftragte Valerius dennoch seinen Presbyter mit der Wahrnehmung auch dieser Aufgabe. Augustin sollte dieses Amt nahezu 40 Jahre ausüben. Seine Predigten, mit denen er seine Hörer faszinierte, waren so gut wie immer biblisch ausgerichtet.

Valerius hatte es eilig, Augustinus zu seinem Mitbischof zu bestimmen; er befürchtete zu Recht, man könne ihm seinen begabten Presbyter schon bei der nächsten Sedisvakanz irgendwo in Afrika entreißen. Daher ließ er ihn noch zu seinen Lebzeiten um 395 zu seinem Mitbischof weihen. Als er kurz darauf starb – wahrscheinlich 396 –, übernahm Augustin die Leitung der Diözese.

Als Bischof hatte er allem voran der Liturgie vorzustehen, Sakramente zu spenden und zu predigen. Hinzu kam das breite Feld der Seelsorge mit ihrer Vielfalt von Aktivitäten, zu denen damals neben den ausgesprochen pastoralen Aufgaben wie z.B. der katechetischen Unterweisung der Taufbewerber, den karitativen Werkenund der Verwaltung des Kirchenvermögens auch bestimmte Bereiche in der Rechtsprechung gehörten. Da nämlich die christlichen Bischöfe kraft kaiserlicher Gesetze ermächtigt waren, bei Rechtsstreitigkeiten Schiedssprüche zu fällen, und da sie diese Aufgaben für gewöhnlich schneller und unkomplizierter erledigten als die staatlichen Organe, zogen die Prozessierenden es vor, die Erledigung ihrer Fälle bei ihrem zuständigen Bischof zu erwirken. Das bischöfliche Forum von Hippo war oft von Morgen bis zum späten Nachmittag belegt.

Obgleich Augustin nach eigenen Angaben nicht gerne reiste[28], verließ er dennoch unzählige Male die Grenzen seines Bistums, um an Synoden und Konzilien in Afrika teilzunehmen. Oft hielt er sich mehrere Monate lang in Karthago auf, wo er auch regelmäßig predigte und fleißig die gutausgestatteten Bibliotheken frequentierte, um sich allerlei Notizen für seine diversen Publikationsvorhaben zu verschaffen.

Gewiss hatte das kirchliche Amt Augustins Arbeitsfeld und Lebensrhythmus verändert. Trotzdem blieb er auch während seines Episkopates allem voran Theologe und Schriftsteller. Seine bleibende Bedeutung gründet letztlich in den großen theologischen Werken, die er erst als Bischof in Angriff nahm und die er darum auch bewusst als eine Dienstleistung an der Kirche verstanden wissen wollte. Dies zeigt sich bis in die Wahl der Themen.

Innerhalb seiner Werke kann man drei größere Themenbereiche unterscheiden: Gegen die schon erwähnten Manichäer sind uns rund ein Dutzend Schriften überliefert, darunter eine 33 Bücher umfassende Auseinandersetzung mit dem Manichäerbischof Faustus. Zur Zeit Augustins gab es nahezu in jeder Stadt Nordafrikas Donatisten, die sich als die Kirche der Reinen, weil angeblich in Zeiten der Verfolgung nicht Abgefallenen betrachteten. Das gegen diese Sektierer gerichtete Schrifttum Augustins, dessen Abfassungszeit sich auf rund 25 Jahre erstreckt, umfasst ebenfalls ein Dutzend Titel.

Noch während der Kontroverse mit den Donatisten begann um 412 die dritte Periode im schriftstellerischen Schaffen Augustins, die Bekämpfung des die Rolle der Gnade im Rechtfertigungsprozess hintansetzenden Pelagianismus. Auch dabei erreichte Augustin durch seine unermüdliche Auseinandersetzung mit den Gegnern – 16 Titel – die Verurteilung der Pelagianer nicht nur seitens der Kirche, sondern auch seitens des Staates. Sein letztes Werk gegen den Pelagianer Julian blieb unvollendet, weil der Tod ihm gleichsam die Feder aus der Hand nahm.

Freilich bekämpfte Augustinus noch zahlreiche andere Häresien. Zwei Jahre vor seinem Tode verfasste er auf Drängen eines Diakons in Karthago ein Handbuch der Häresien, in dem er nicht weniger als 88 verschiedene Irrlehren beschrieb, be- und verurteilte. Zweifelsohne war der Bischof von Hippo einer der größten Apologeten der Kirche. Und dennoch erschöpfte sich sein theologisches Interesse nicht in der Apologetik.

Zu nennen ist vor allem das exegetische Werk. Es dürfte kaum einen anderen Schriftsteller in der alten Kirche gegeben haben, der bis in seine Sprache hinein die Bibel so zum Fundament seines Denkens gemacht hat wie er. Den Schöpfungsbericht der Genesis legte er insgesamt siebenmal aus. Den Römerbrief versuchte er zweimal auszulegen. Ferner interpretierte er den Galaterbrief, den Jakobusbrief (verlorengegangen), den Ersten Johannesbrief, die Bergpredigt, das Johannesevangelium und die 150 Psalmen. Kaum zum Bischof geweiht, begann er ein 4 Bücher umfassendes Werk Über die christliche Wissenschaft zu schreiben. In dieser als Handbuch für das theologische Studium konzipierten epochalen Schrift entfaltete er die Prinzipien seiner Hermeneutik und gab zugleich viele Einzelanweisungen für die Bibelexegese. Teile des 3. und das ganze 4. Buch vollendete er erst kurz vor seinem Tode.

Eine eigene Gattung bilden die sogenannten moraltheologischen Schriften, die – ungefähr ein Dutzend – Augustin während seines Episkopates zu verschiedenen Fragen der Seelsorge (z.B. Enthaltsamkeit, Ehe, Jungfräulichkeit, Witwenschaft, Totenkult etc.) verfasst hat. Ebenfalls pastoraltheologische Ziele veranlassten ihn um 400, ein Büchlein Über den katechetischen Unterricht zu schreiben. Darin gab er nicht nur Anweisungen über die Methode der Einweisung in die christliche Lehre, sondern auch Beispiele eines solchen Unterrichtes.

Wie eng überhaupt Augustin die Seelsorge mit der Theologie verband, zeigt das Buch Über Glaube, Hoffnung und Liebe. Wer allerdings meint, Augustin habe darin zu gleichen Teilen jeweils vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe geschrieben, der sieht sich enttäuscht. Das erbetene Büchlein wurde schlicht ein Kompendium der Dogmatik, in dem die Darlegung der Glaubenswahrheiten den größten Teil ausfüllt. Bei aller Dringlichkeit und Vorrangstellung der Seelsorge, die Augustin als Bischof anerkannte und um deren Anforderungen gerecht zu werden er sich auch ehrlich bemühte, vergaß er mitnichten, dass die Seelsorge ohne die Theologie leer läuft und versandet.

Die Verflechtung von Seelsorge und Theologie kennzeichnet Augustins kirchliches Amtsverständnis. Dies zeigt nicht zuletzt das umfangreiche Corpus seiner Briefe, durch die er auf die gebildete Welt von damals nicht weniger einwirkte als durch seine Bücher.

Aus den Schriften Augustins ragen drei hervor, die bereits dargestellten Confessiones (13 Bücher), Der Gottesstaat (22 Bücher) und das Werk Über die Dreieinigkeit (15 Bücher). Man fragt sich, woher Augustin bei seinen vielseitigen Amtsgeschäften überhaupt noch die Zeit nehmen konnte, so umfangreiche und theologisch tiefsinnige Werke zu schreiben.

Am 24. August 410 besetzte Alarich mit seinen Westgoten Rom. Da sich auf diese nationale Katastrophe hin der Druck der Heiden, speziell der Gebildeten, auf das Christentum verstärkte, dem man die Schuld dafür anlastete, sah Augustin als der Wortführer der Christenheit sich verpflichtet, seine größte apologetische Schrift, Den Gottesstaat, in Angriff zunehmen. Er selbst nennt es ein «großes und überaus schwieriges Werk»[29], das von 413-427 nach und nach in Abschnitten erschien. Schon bei der ersten Lieferung beeindruckte es die Leser, von denen kein geringerer als Macedonius, Prokonsul in Afrika, sich fragte, was er am Verfasser dieses Werkes mehr bewundern solle, dessen priesterliche Vollkommenheit oder dessen philosophische Ansichten, die Fülle seines historischen Wissens oder den Reiz seiner Beredsamkeit[30]. Die ersten 10 Bücher führen den Nachweis, dass nicht die Christen, sondern die Dekadenz der Heiden die Römische Kultur in den Abgrund geführt habe, während die Bücher 11-22 ein geschichtstheologisches Panorama entwerfen und das gesamte Weltgeschehen von Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht aus christlicher Sicht entwickeln und deuten.

Der Kirchenvater besaß die seltene Fähigkeit genialer Geister, bei wachsender Belastung noch Größeres zu leisten. Für gewöhnlich arbeitete er gleichzeitig an mehreren Themen. So hatte er, als er mit der Abfassung Vom Gottesstaat begann, sein spekulativstes Werk, Über den dreieinigen Gott, schon 14 Jahre unter seiner Feder. Nach seiner Fertigstellung bemerkte er, er habe es bereits «als junger Mann» begonnen und erst «als Greis» – 20 Jahre später – zum Abschluss gebracht[31]. Da er die Lektüre dieses Opus nur einer theologisch und philosophisch vorgebildeten Leserschaft zutraute, wollte er es nicht wie andere seiner umfangreicheren Schriften in Teilen, sondern nach einer endgültigen redaktionellen Bearbeitung als ganzes herausgeben. Die elitäre Leserschaft vermochte jedoch den Abschluss des Werkes nicht abwarten, so entwendete man ihm die ersten 12 Bücher, ehe die restlichen 3 geschrieben waren[32]. De trinitate bildete den Höhepunkt in Augustins theologisch-schriftstellerischem Schaffen. Mit diesem Werk hat er die abendländische Trinitätslehre bis in unsere Zeit herein beeinflusst und beherrscht.

Augustin war 72 Jahr alt, als er seiner Gemeinde mitteilte, er habe, da er noch alle seine Schriften einer kritischen Revision unterziehen wolle, den Priester Heraklius zu seinem Nachfolger bestimmt[33]. Er schrieb jedoch auch während dieser Zeit der Revision noch 8 weitere Werke. Aber im Jahre 430 – seine Bischofsstadt war schon seit 3 Monaten von den Vandalen umlagert – waren seine Kräfte erschöpft. Er ahnte wohl den bevorstehenden Untergang Hippos; denn Possidius berichtet, Augustin habe sich trotz eines vielfältigen Engagements zur Rettung der Stadt mit dem Ausspruch eines Weisen (Plotins) getröstet: «Der ist kein Großer, der es für Großes hält, dass Holz und Steine dahinsinken und Sterbliche sterben»[34].

Die letzten 10 Tage verbrachte er allein, die Bußpsalmen betend, die er an die Wand heften ließ. So starb er am 28. August in Gegenwart seines für ihn betenden Klerus. Sein Name und seine Werke hingegen lebten fort, dominierten das Mittelalter und prägten die Neuzeit, ja sein Denken veranlasst Wissenschaft, Kultur und Frömmigkeit bis heute zu staunender Bewunderung oder scharfer Kritik – jedenfalls aber allemal zu außerordentlicher Anerkennung.

Hätten wir jetzt genug Zeit, um der Frage nach der Vorbildfunktion Augustins ebenfalls noch in der gebotenen Gründlichkeit nachzugehen, so wäre einiges, auch Kritisches, zu sagen. Ich beschränke mich auf weniges und beginne mit dem Kritischen. Augustinus gilt in theologisch gebildeten Kreisen weithin als Vater der ‹Erbsünde›, sofern man darunter die auf dem Wege der Zeugung erfolgte Verflechtung aller Adamskinder in eine ererbte Schuld und somit in den Zustand der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen versteht.

Die augustinische Sicht der Erbsünde hat also mit der Sexualität und diese der Ehe zu tun. Wir erwähnt, war Augustin 9 Jahre lang Manichäer, Anhänger einer gnostischen Sekte, die das Böse schlicht mit der Materie identifizierte. Die Zeugung als materiellen und Materie hervorbringenden Vorgang lehnte der Manichäismus als teuflisches Werk ab, diente doch der Zeugungsakt dazu, die Seele, eine geistige Substanz, in den materiellen Leib einzuschließen.

Augustinus gelang es zwar, wie ebenfalls bereits erwähnt, diese Sicht der Sexualität mit Hilfe der neuplatonischen Philosophie zu überwinden. Aber die Neuplatoniker erblickten ihrerseits in der Geschlechtlichkeit des Menschen eine eigenständige Macht, die den Geist hinderte, sich ausschließlich mit Geistigem zu beschäftigen. Von Plotin, dem Haupt der Neuplatoniker berichtet seine Biograph Porphyrios, er habe sich geschämt, in einem Leib zu sein[35]. Wie schon die Stoiker, so erstrebten auch die Neuplatoniker das Ideal einer möglichst ungetrübten Souveränität des Geistes gegenüber den Affekten, besonders gegenüber der eigenmächtigen Regung der Geschlechtsorgane.

Augustinus las die einschlägigen Texte über Vorzüge der Ehelosigkeit und der Jungfräulichkeit im Unterschied zum Ehestand wie z.B. 1 Cor 7,25-38 in der Optik einer solchen, die Bedürfnisse des Leibes hintansetzenden Anthropologie. Er ging so weit, dass er die venerischen Regungen des Leibes mit der Erbsünde in einen Begründungszusammenhang brachte. Solche Gedanken beherrschen auch seine Lehre von der Ehe. So beurteilte er jede Geschlechtsbegegnung inklusive der ehelichen als Makel. Allerdings hielt er den auf die Kindererzeugung gerichteten Ehevollzug für sittlich gerechtfertigt. Akte, die innerhalb der Ehe dies ausschließen, sind seiner Auffassung nach ‹lässliche Sünden›, «eben, weil die Ehe u.a. die Zügelung der geschlechtlichen Begierde zum Zweck hat» [36], sei es doch laut 1 Cor 7,9 «besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren».

In dem zwei Jahrzehnte anhaltenden Streit mit den Pelagianern versteifte Augustinus diese seine Sicht von der menschlichen Sexualität. Während der Pelagianer Julian lehrte, die sexuelle Konkupiszenz sei etwas Natürliches und darum an und für sich ein Gut, blieb Augustinus bei seiner zum guten Teil vom philosophischen Zeitgeist beeinflussten Überzeugung von ihrer generellen Sündhaftigkeit außerhalb der Ehe und von ihrer Nähe zur Sünde innerhalb der Ehe dann, wenn der eheliche Akt nicht auf Zeugung abzielte[37]. Freilich, was Augustin von nicht wenigen christlichen Schriftstellern seiner Zeit abhebt, ist gerade die Verteidigung der Ehe als ein Gut. Um das Jahr 400 verfasste er eine Schrift, der er den Titel gab: ‹Über das Gut der Ehe›. Die Kritik an seiner Beurteilung der Sexualität will zurecht nicht verstummen.

Ein zweiter Punkt der Kritik sei wenigstens erwähnt. Augustin ist der Vater der Inquisition, kann man nicht selten lesen. Bei der Bekämpfung der sektiererischen Donatisten habe er den schon christlichen Staat seiner Zeit mit dem Hinweis auf den Satz im Gleichnis aus dem Lukasevangelium 14,15-24: «nötigt die Leute zu kommen, denn ich will, dass mein Haus voll wird» (23), gezwungen gegen diese gewaltsam vorzugehen. Die Empfehlung der Zwangsanwendung erscheint in der Tat in mehreren Schriften[38]. Wenngleich Augustinus vor den letzten Konsequenzen dieses Zwanges zurückschreckte, so hatte doch das Zitat für die Bekämpfung der Ketzer und Häretiker im Mittelalter eine verheerende Wirkung.

Selbstredend kann Augustins Wirkungsgeschichte – und in diesem Zusammenhang auch sein Einfluss auf die Frömmigkeit aller größeren christlichen Glaubensgemeinschaften nicht hoch genug eingeschätzt werden. Um nur einige Beispiele zu nennen: Im sogenannten Eucharistiestreit des 9. Jahrhunderts beriefen sich sowohl die Vertreter des Realismus – der historische Leib Christi sei in den Gaben von Brot und Wein gegenwärtig – wie auch die Symbolisten – Christi Leib sei nur geistig (nicht leiblich) gegenwärtig – auf Augustinus[39]. Nicht anders verlief die Kontroverse zur Zeit der Reformation: sowohl Luther als auch Calvin und das Tridentinum argumentierten mit Sätzen aus den Werken Augustins. Dessen überragende Autorität zeigt aufs Deutlichste die Sentenzensammlung des Petrus Lombardus (+1160). In den dort aufgenommenen ca. 1500 Sentenzen aus der Frühzeit der Kirche, stammen rund 950 von Augustinus. Wer immer im Mittelalter Magister in der Theologie werden wollte, musste diese Sammlung kommentieren.

Augustinus ist, wie Eingangs erwähnt, kein Volksheiliger geworden. Seine Vorbildfunktion beschränkt sich auf eine Fülle von Leitgedanken, die auf die christliche Lebensgestaltung, auf die christliche Spiritualität einwirkten. Diese sollte allem voran biblisch geprägt sein. Was aber ist die Bibel? Wie sollen Christen mit ihr umgehen? Die Antworten, die der gelehrte Bischof auf diese Fragen gab, sind für Christen aller Zeiten ungemein aufschlussreich. Deshalb will ich mich auf dieses Thema, zumal vor einer ökumenisch interessierten Hörerschaft beschränken.

Im Werk des Bischofs kommt die Stelle aus 2 Cor 3,6: «Der Buchstabe tötet, der Geist ist es, der lebendig macht» 54mal vor. Was ist die Bibel ohne den Geist? Buchstabe, der tötet. Die Sache der Bibel – dies gilt es in der Kirche zu sehen! – ist Gott. Die Kernfrage des christlichen Glaubens lautet deshalb: Wer bzw. was ist diese Gott genannte Sache der Bibel? Der offenbarte Gott, ‹Vater, Sohn und Hl. Geist› lautet die Antwort[40]. Als solcher gab Gott sich kund, als solcher offenbarte er sich im Evangelium seines Sohnes Jesu Christi.

Offenbarung ist Gottes Heilshandeln in der Zeit mit der Schöpfung als Anfang, mit der im Erlösungswerk Jesu Christi gipfelnden Geschichte seines Volkes als Mitte, und mit der Vollendung der Schöpfung im Heiligen Geist als Abschluss. Wer erkennt darin nicht die drei Eckdaten des Credos der Kirche: Schöpfung, Erlösung und Vollendung? In der Mitte steht Christi Erlösungswerk, steht ‹das Fleisch gewordene Wort›, das Anfang und Ende miteinander verbindet. Wie in einem Kreis alles auf dessen Mittelpunkt hin ausgerichtet ist und alles über diesen Mittelpunkt miteinander in Beziehung steht, so verhält es sich auch mit der Heilsgeschichte. Christus, ‹das Fleisch gewordene Wort› ist darum auch der Verstehensschlüssel aller Ereignisse, von denen die Bibel redet.

Die biblischen Texte des Alten Testamentes haben somit für Christen einen doppelten Sinn. Einmal den historischen: Gott hat durch die Patriarchen, durch das Gesetz des Mose, durch die Propheten und alle Gerechten gesprochen und an seinem Volk Israel gehandelt. Dann aber haben diese Texte noch einen über das Geschehene hinaus verweisenden tieferen geistlichen Sinn. Dieser im Alten Testament noch verborgene liegt im Neuen Testament offen. Wenn Augustinus einschärft, die Bibel müsse durch die Bibel erklärt werden, dann meint er häufig diese innere Beziehung bzw. Verflechtung der in den Schriften der beiden Testamente zugrundeliegenden Ereignisse. In der Emmauserzählung des Lukasevangeliums heißt es: «Und Jesus legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der ganzen Schrift über ihn geschrieben steht» 24,27).

In Bezug auf das Verhältnis der beiden Testamente lehrte Augustinus: Die Texte des Alten Testamentes sind vom Neuen her zu lesen, zu verstehen und auszulegen. Die liturgische Praxis der katholischen Kirche verdeutlicht dies durch die Zuordnung der Lesungen aus beiden Testamenten in den Wortgottesdiensten. Die ausgewählten alttestamentlichen Lesungen in der Osternacht z.B. werden auf die Auferstehungsbotschaft hin verkündet und sollen auch im Lichte dieser Botschaft verstanden und erklärt werden.

Natürlich wusste Augustinus, dass die Bibel mehrere Verfasser hat, dass die vier Evangelien z.B. von vier verschiedenen Evangelisten geschrieben wurden. Jeder der biblischen Schriftsteller gab durch seinen ihm eigenen Wortschatz in einer Vielzahl von Wörtern ‹Gottes Wort› (Einzahl) wieder.

Gibt es da einen Unterschied zwischen den Wörtern der biblischen Schriftsteller und ‹Gottes Wort›? Augustinus beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen Ja, und darin gipfelt sein Verständnis von der Offenbarung. Offenbart und Offenbarer ist nicht der biblische Schriftsteller, also Johannes oder Paulus, sondern ‹Gottes eingeborener Sohn›, die zweite Person dieses Dreieinigen Gottes, Inbegriff der Weisheit, ‹des Lichtes› und ‹des Lebens›, ‹Gottes Wort› (Io 1,1-18), das ‹in der Fülle der Zeit› (Gal 4,4) Mensch geworden ist.

Das Bibelwort, das von der Offenbarung Gottes berichtet, geht somit der ‹Menschwerdung des Wortes Gottes› sowohl zeitlich voraus (Altes Testament) wie auch zeitlich nach (Neues Testament). Obgleich also uns von Christus selbst keine schriftlichen Texte überliefert sind, so ist doch er, weil ‹Gottes Wort›, der eigentliche Verfasser der Bibel, deren Worte ihn als den Mensch gewordenen Gottessohn bezeugen.

Mit diesem auf Gottes zeitloses Wort hin konzentrierten Offenbarungskonzept hängt jenes vom ‹ganzen Christus›[41] aufs Engste zusammen. Wäre Christus nicht Gottes ewiges Wort, also nicht ‹wahrer Gott und wahrer Mensch›, woran die Kirche festhält, so entbehrte Augustins Reden von einem ‹ganzen Christus› jeglicher Grundlage. So aber ist seine Lehre gerade darüber das Fundament, auf dem er seine christliche Spiritualität errichtet.

Schon dem Neuen Testament ist der Gedanke von der Einheit der Kirche mit Christus nicht unbekannt. Die Paulusbriefe kommen wiederholt darauf zu sprechen, am ausführlichsten im Ersten Korintherbrief. Dort steht im 12. Kapitel der fundamentale Satz: «Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden, so ist es auch mit Christus» (ib.12).

Nun kommt das Wortpaar ‹ganzer Christus› weder im Neuen Testament noch in der christlichen Literatur vor Augustinus vor. Es ist somit seine Schöpfung und im Hinblick sowohl auf seine Theologie wie auch auf seine Spiritualität geradezu eine genial zu nennende. Mit ihm gelang es nämlich dem Kirchenvater, zwischen einer ‹sichtbaren› und einer ‹unsichtbaren Kirche› nicht nur zu unterscheiden, sondern auch zu scheiden und letztere mit dem ‹Gottesstaat› zu identifizieren. Zur ‹unsichtbaren Kirche› zählen nicht allein die verstorbenen Seligen, sondern alle, die bleibend zu den Gliedern des Leibes Christi gehören, und dazu zählen auch die Frommen aller Zeiten und Zonen. Dieses ‹Glied am Leib Christi sein› ist nicht physisch, sondern mystisch zu verstehen.

Was folgt daraus? Ich denke viel. Unter anderem dies: Wir müssen uns verabschieden von einer Vorstellung von Mystik, die mit Magie, Ekstase, Verzückung und dergleichen zu tun hat. Ist Mystik die Bindung einer Person an ein höheres Wesen, dann ist christliche Mystik Bindung an den Gottmenschen Jesus Christus. Bindung mit dem Ziel der Vereinigung, der ‹unio mystica›, meint aber keineswegs das Aufgeben oder gar das Auslöschen der eigenen Identität, der Person, des Ich mit seinen intellektuellen und emotionalen Kräften, sondern deren Hin- und Ausrichtung auf ein das eigene Vermögen übersteigendes Größeres, auf ein umfassenderes Ganzes – das eben der ‹ganze Christus› ist.

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[1] Am 11.3.2004 in Erlangen-Dechsendorf gehaltener erster Vortrag zum angegebenen Rahmenthema.

[2] A. von Harnack, Was verdankt unsere Kultur den Kirchenvätern?, in: Aus Wissenschaft und Leben, Bd. II. Gießen 1911, S. 1.22, dort S. 20.

[3] Retr. 2,61

[4] Conf. 3,7.

[5] Ebd.

[6] Vgl. conf. 5,14.

[7] Vgl. conf. 5,22.

[8] Vgl. conf. 6,23.25.

[9] Conf. 5,23.

[10] Vgl. conf. 7,13; 8,3.

[11] Vgl. conf. 7,13-15.

[12] Vgl. conf. 7,26.

[13] Conf. 7,24.

[14] Vgl. conf. 7,27.

[15] Acad. 2,2.

[16] Ebd. 8,10-12.

[17] Vgl. conf. 8,3.

[18] Vgl. conf. 8,13-15.

[19] Conf. 8,28.

[20] Conf. 8,28-30.

[21] Vgl. conf. 9,5.

[22] Vgl. conf. 9.14.

[23] Retr. 1,6.

[24] Vgl. conf. 9,23-26.

[25] Conf. 9,2.

[26] Conf. 9,29-33.

[27] Vgl. ep. 21.

[28] Vgl. ep. 124,1.

[29] Ciu. 1,8.

[30] Ep. 154,2.

[31] Ep. 174.

[32] Retr. 2,15.

[33] Ep. 113.

[34] Vita 28.

[35] Porphyrios, Über Plotins Leben 1,1, in: Plotins Schriften, Band Vc, Hamburg 1958.

[36] Zum Ganzen W. Molinksi, Ehe, in: Sacramentum mundi I, Freiburg 1967, S. 969-970.

[37] Ausführlich dazu M. Lamberigts, A critical Evaluation of Critiques of Augustine’s View of Sexuality, in: Augustine and his Critics. Essays in honour of Gerald Bonner, Ed. R. Dodaro/G. Lswless, London/New York 2000, 176-197.

[38] Siehe K. H. Chelius, ‹Compelle intrare› in: Augustinus-Lexikon 1 (1986-94) Sp. 1084f.

[39] J. Betz, Eucharistie, Hanbuch theologischer Grundbegriffe 1, Hrsg. H. Fries, München 1962, S. 336-355, hier 345.

[40] Ausführlich ist dies der Gegenstand der Untersuchung in De doctrina christiana 1. Siehe dazu C. Mayer, Die Zeichen in der geistigen Entwicklung und in der Theologie Augustins. II. Teil: Die antimanichäische Epoche, Würzburg 1974, S. 88-96.

[41] Siehe dazu E. Franz, Totus Christus. Studien über Christus und die Kirche bei Augustinus, Bonn 1956.

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