ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Fecisti nos ad te, domine, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.

Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

23. – virtueller – Augustinus-Studientag

Augustinus und die Neuzeit

Freitag, 17. Juli 2026, ab 10.00 Uhr 
ZOOM-Plattform der Universität Würzburg

Petrichev Augustinus: Tolle-lege"Nimm und lies!" Augustinus liest den Römerbrief. Privatbesitz (2004).  © Wladimir Petrichev.

Für das Fortwirken von Werk und Denken Augustins in der Frühen Neuzeit steht wohl kaum eine Gestalt so exemplarisch wie diejenige Martin Luthers, der sein Wirken als Augustinermönch begann und dessen Gedanken zu Willensfreiheit und Gnade ohne Augustinus nicht denkbar wären. Doch auch die Zeitgenossen Luthers, wie der Reformator Philipp Melanchthon (1497–1560), setzen sich mit Augustins Schriften auseinander. Hatte Augustinus indes während des Mittelalters bei allen Unterschieden in der Interpretation als fraglose Autorität gegolten, so scheint die Diskussion um ihn jetzt kontroverser zu werden: Luther und Erasmus von Rotterdam (1466–1536) werden in der augustinischen Frage nach Wille, Freiheit und Gnade zu Opponenten. Der weitere Verlauf von Reformation und Gegenreformation vertieft die Gräben: Im Streit um die Bewegung des „Jansenismus“ (benannt nach Cornelius Jansen, 1585–1638) wird die Auslegung der Gnadentheologie Augustins erneut zu einer Frage von Rechtgläubigkeit und Häresie. Die Debatte um den „Pelagianismus“ setzt sich bis ins 18. Jahrhundert und darüber hinaus fort – nicht nur im europäischen, sondern auch im nordamerikanischen Raum. Daneben werden die Confessiones fortlaufend in verschiedenen Medien (Drama, Musik) rezipiert; auch diese Rezeptionsformen, die vor allem im Jesuitentheater gepflegt werden, stehen in Bezug zu den konfessionellen Auseinandersetzungen der Zeit.

Der 23. – virtuelle! – Augustinus-Studientag nähert sich dieser breitgefächerten Thematik schlaglichtartig in Vorträgen ausgewählter Expertinnen und Experten an und lädt zum Austausch ein.

N.B.: Angemeldete Teilnehmer erhalten rechtzeitig vor der Veranstaltung einen Teilnahme-Link. Das Online-Anmeldeformular wird in Kürze freigeschaltet.

PROGRAMM

10.00-10.15 Uhr
Christian Tornau (ZAF)
Eröffnung, Begrüßung, Einführung

10.15-11.15 Uhr
Jochen Schultheiß (Würzburg)
De libero arbitrio: Göttliche Gnade und menschliche Entscheidung bei Augustinus, Erasmus von Rotterdam und Martin Luther 

PAUSE

11.45-12.45 Uhr
Mark Elliott (Highlands/UK)
Augustinus in loco Calvini. Eucharistielehre im Johannes-Kommentar des Niels Hemmingsen (15131600)
In seinem Johanneskommentar von 1591 wandte sich Niels Hemmingsen, ehemaliger Professor an der Universität Kopenhagen, dem Kommentar bzw. den Predigten zum Johannesevangelium von Augustinus zu (In Iohannis evangelium tractatus). Obwohl er 1579 vom Kopenhagener evangelischen Lehrstuhl verwiesen worden war, hielt Hemmingsen an seinen lutheranischen Überzeugungen fest, auch wenn er mit der Eucharistie-Theologie von Johannes Brenz und Jakob Andreae nicht einverstanden war. Hemmingsen steht zwar für die Augsburgische Konfession Variata von 1540, aber genau besehen beruft er sich bei seiner Betrachtung des Johannesevangeliums auf Augustinus, um den Namen Calvins in seinem Kommentar nicht nennen zu müssen.

PAUSE

14.15-15.15 Uhr
Dorothea Weber (Salzburg/Wien)
Augustinus auf der Bühne
Aus Augustins umfangreichem Œuvre haben im Besonderen die Confessiones in Spätantike, Mittelalter und Neuzeit auch außerhalb spezialisierter theologisch-dogmatischer Diskurse enorme Wirkung entfaltet. In den letzten Jahren des 15. Jahrhundert eroberten sie sogar die Bühne. Aus den folgenden drei Jahrhunderten sind über 30 Dramen bekannt, die einzelne Handlungsstränge der Confessiones, im Besonderen das Bekehrungserlebnis, erstmals einem Theaterpublikum zugänglich machten. Der Vortrag will die Transformation der Confessiones ins Drama am Beispiel des Augustinus conversus von Jakob Gretser (1592) vorstellen und im Rahmen der konfessionellen Auseinandersetzungen des ausgehenden 16. Jahrhunderts kontextualisieren.

15.15-16.15 Uhr
Marc Bergermann (Baltimore)
Augustinus zwischen „First and Second Great Awakening“: Anthropologie und Gnadenlehre im nordamerikanischen Protestantismus, 1730–1840)
Der Vortrag untersucht die Rezeption und Transformation augustinischer Anthropologie und Gnadenlehre im nordamerikanischen Protestantismus zwischen dem First und Second Great Awakening (ca. 1730–1840). Während deutsch-lutherische Einwanderer ein spätorthodox geprägtes, weitgehend un- bzw. vorkritisches Augustinusbild bewahrten, das über dogmatisch und kirchengeschichtlich traditionelle Lehrbücher des 17. und frühen 18. Jahrhunderts vermittelt war, entwickelten sich im reformierten und revivalistischen Umfeld neue Akzentsetzungen und -verschiebungen im Verständnis von Sünde, Wille und Gnade. Anhand zentraler theologischer Diskurse in der Zeit während und zwischen den beiden Great Awakenings wird gezeigt, wie sich augustinische Grundstrukturen unter den Bedingungen von nordamerikanischer Erweckungsfrömmigkeit und pastoralem Pragmatismus allmählich verschoben. Die lutherische Tradition der deutschen Auswanderer dient dabei als Kontrastfolie, vor der die spezifisch nordamerikanische Umformung augustinischer Denkfiguren deutlich hervortritt.