ZENTRUM FÜR AUGUSTINUS-FORSCHUNG

AN DER JULIUS-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT WÜRZBURG

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Confessiones 1,1

Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.

Bekenntnisse 1,1

Zur Aktualität und Bedeutung der Kirchenväter

Von Prof. Dr. Michael Fiedrowicz, Theologische Fakultät Trier

KirchenväteraltarDie großen lateinischen Kirchenväter: Hieronymus, Augustinus, Gregor der Große und Ambrosius. Kirchenväteraltar von Michael Pacher (entstanden ca. 1471-1475). München, Alte Pinakothek. – Bildquelle: wikimedia commons

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In einem Interview mit dem Journalisten Peter Seewald wurde Benedikt XVI. gefragt, ob ein Papst wenigstens mehr Hilfe und Tröstung ‹von oben› bekomme als ein gewöhnlicher Sterblicher. Der Papst antwortete: «Da ich immer auch den Trost ‹von oben› spüre, beim Beten die Nähe des Herrn erlebe oder beim Lesen der Kirchenväter das Schöne des Glaubens aufleuchten sehe, gibt es ein ganzes Konzert von Tröstungen» [1]. Die Kirchenväter haben offensichtlich bei diesem «Konzert von Tröstungen» einen wichtigen Part inne. Wer sie liest, so Benedikt, sieht «das Schöne des Glaubens aufleuchten». Es ist eine Erfahrung, die der Papst nicht nur für sich selbst besitzen wollte, sondern der Kirche insgesamt zugänglich zu machen suchte. So widmete er mehr als zwei Jahre lang (2007-2009) seine Mittwochs-Katechesen den Kirchenvätern [2].

Was sind dies nun für Autoren bzw. Theologen, die mit einem eigenen Titel – Kirchenvater – von der großen Zahl sonstiger Glaubensdenker und Glaubenslehrer des Mittelalters und der Neuzeit unterschieden werden? Wer den Lesesaal einer theologischen Bibliothek betritt, muß nicht lange nach ihnen suchen. Er stößt unweigerlich auf sie, unübersehbar sind die großen Folianten, in denen die Werke der Kirchenväter, meist in Griechisch oder Latein verfaßt, zugänglich sind. Die bekannteste Ausgabe der Kirchenväter schuf im 19. Jahrhundert der französische Abbé Jean-Paul Migne. Unbestreitbar besitzen diese 382 in einheitliches Leder gebundenen Bände eine imponierende Ästhetik für den Betrachter. Zugleich aber suggeriert diese einheitliche Präsentation eine Homogenität der Autoren, die so niemals existierte. Ein Kenner der Kirchenväter – Hans Freiherr von Campenhausen – beschreibt anschaulich die Unterschiedlichkeit dieser Schriftsteller: «Schon die Herkunft der Kirchenväter aus ganz verschiedenen Provinzen des weiten Reiches machte eine uniforme Gleichartigkeit der Äußerungen unmöglich. Sie sind Syrer, Kleinasiaten und Griechen, Afrikaner, Römer und Ägypter. Trotz der einigenden Kraft der herrschenden römisch-hellenistischen Kultur ist die traditionelle Eigenart der alten Stämme und Landschaften überall noch spürbar. Wir finden unter den kirchlichen Schriftstellern denkbar verschiedene Naturen und Temperamente, und alle Stände und Bildungsstufen sind in ihren Reihen vertreten. Energische Laien stehen neben Bischöfen, niederen Klerikern und Mönchen, freigelassene Sklaven neben den Erben alter Namen und zum Teil erstaunlicher Reichtümer, schlichte Fromme neben geschulten, fein differenzierten Persönlichkeiten des öffentlichen und kulturellen Lebens. Die ersten Väter schreiben ausschließlich griechisch; dann treten ihnen die Lateiner an die Seite; später nehmen auch Orientalen – Syrer, Armenier und Kopten – ihre Muttersprache in kirchlichen Gebrauch. Die Buntheit der literarischen Formen, die sie verwenden …» ist sehr groß: «Es sind teils Predigten, teils erbauliche Traktate und gelehrte Bibelkommentare, teils an die ‹Welt› gerichtete Apologien oder theologische Streitschriften, teils auch liturgisch bestimmte Texte oder private, briefliche Äußerungen» [3]. «Die Kirchenväter» sind also alles andere als eine fest geschlossene Gruppe von Theologen, in der der eine wie der andere im wesentlichen die gleichen Ideen und Positionen vertreten hätte. Alle beziehen sich auf ein und dasselbe Evangelium, alle glauben an Christus, aber die Antwort eines jeden ist ganz persönlich [4].

Bevor wir uns mit dem Inhalt ihrer Theologie befassen, soll zuvor gefragt werden: Was bedeutet eigentlich die Bezeichnung «Kirchenvater»? Im Begriff ‹Vater› fließen verschiedene Komponenten zusammen: allgemein-anthropologische, griechisch-römische, alt- und neutestamentliche Vorstellungen durchdringen sich hierbei. Der Vater ist Erzeuger des Lebens, Oberhaupt der Familie, ihm obliegt die Fürsorge und Leitung. In der Antike gibt es den geistigen Vater, als Lehrer, als Leiter einer Philosophenschule. Der Apostel Paulus versteht sich als Vater der Glaubenden, wenn er schreibt: «In Christus bin ich durch das Evangelium euer Vater geworden» (1 Kor 4,15). Auch hier ist der Vater primär der Lehrer. Im 2. Jahrhundert faßte der Kirchenvater Irenäus diese verbreiteten Vorstellungen folgendermaßen zusammen: «Man nennt nämlich jemanden, der von einem anderen durch das Wort unterrichtet worden ist, den Sohn des Lehrers und diesen seinen Vater» [5]. Der Begriff «Kirchenvater» kommt in den dogmatischen Kontroversen zu Beginn des 4. Jahrhunderts auf, als der Streit um die wahre Gottheit Christi entbrannt war. Als «Kirchenväter» (patres ecclesiae, ekklesiastikoi pateres) werden nun die rechtgläubigen Glaubenslehrer der früheren Kirche bezeichnet, auf die man sich als Autorität in den aktuellen Lehrkontroversen berufen und stützen konnte. Im 4. Jahrhundert war der Vatertitel den Bischöfen vorbehalten, später, seit dem 5. Jahrhundert konnten auch Priester (Hieronymus) und Diakone (Ephraem) so genannt werden. Insbesondere wurden als ‹Väter› jene Bischöfe bezeichnet, die auf den großen Konzilien der Alten Kirche den Glauben definierten. Man sprach von den «Vätern von Nizäa» oder vom «Glauben der Väter», dem man selber folgen wolle. ‹Kirchenväter› waren also vor allem jene Bischöfe, die sich durch Überlieferung, Erklärung und Verteidigung des Glaubens besondere Verdienste erworben hatten.

Zu Beginn der Neuzeit (seit dem Dominikaner-Theologen Melchior Cano, 1560) wurden vier Kriterien für den Kirchenvater-Titel erstellt. Erstens: die Zugehörigkeit zum christlichen Altertum (antiquitas), das sich bis zum 7./8. Jahrhundert erstreckt. Zweitens: Rechtgläubigkeit der Lehre (doctrina orthodoxa), die keine völlige Irrtumslosigkeit bedeuten muß, sondern die Glaubensgemeinschaft mit der damaligen Kirche verlangt. Drittens: Heiligkeit des Lebens (sanctitas vitae), nicht im Sinne einer förmlichen Kanonisierung, sondern eines vorbildlichen Lebens, das Verehrung durch das gläubige Volk fand. Viertens: Anerkennung durch die Kirche (approbatio ecclesiae), die sich in lehramtlichen Äußerungen auf die Autorität eines frühchristlichen Schriftstellers berief oder aus seinen Werken zitierte. Blicken wir auf die vier Kriterien im einzelnen.

Die Zugehörigkeit zum Altertum: Das Zeitalter der Kirchenväter, das christliche Altertum, ist nicht nur eine Epoche der Kirchengeschichte, der eben weitere folgten, das Mittelalter und die Neuzeit. Es ist vielmehr die grundlegende Epoche für die gesamte Kirchengeschichte. Hier, in den ersten Jahrhunderten nach Abschluß des Neuen Testamentes, wurde die in Christus ergangene Offenbarung umfassend bedacht, eingehend erklärt, erstmals in einen neuen Kulturkreis, die griechisch-römische Welt, hinein übersetzt. Hier, in den ersten Jahrhunderten, geschahen die großen Weichenstellungen, die die weitere Geschichte der Kirche zutiefst bestimmten. Um nur einige Beispiele zu nennen:

Warum die Bibel so ist, wie wir sie heute kennen, wurde in der frühen Kirche entschieden. Warum die Christen auch das Alte Testament brauchen und sich nicht mit dem Neuen Testament begnügen können, wurde im 2. Jahrhundert geklärt, als Irrlehrer wie Markion meinten, das Christentum von seinen jüdischen Wurzeln trennen zu müssen. Warum wir vier Evangelien haben und nicht nur ein einziges oder weitaus mehr, wurde ebenfalls schon im 2. Jahrhundert geklärt, als die Kirche der Versuchung widerstand, unterschiedliche Akzentuierungen und Perspektiven der vier Evangelisten zu nivellieren und eine Evangelienharmonie künstlich zu fabrizieren. Nicht minder entschieden trat die Kirche Bestrebungen entgegen, die Zahl der Evangelien zu mehren, wie es die Gnostiker taten, die sich auf ein Geheimwissen beriefen, wie es Maria Magdalena und der Apostel Thomas angeblich in Exklusiv-Interviews des Auferstandenen empfangen hätten, um diese esoterischen Informationen dann in eigenen Evangelien festzuhalten.

Warum unser Glaubensbekenntnis, wie wir es in der hl. Messe singen oder beten, diese oder jene Formulierung enthält, wurde in der frühen Kirche entschieden, wo es kaum eine theologische Kontroverse gab, deren abschließende Klärung sich nicht in einem klärenden Zusatz oder einer sprachlichen Präzisierung des Credo-Textes niederschlug. Wir glauben an den einen Gott, nicht an verschiedene Götter, den Schöpfergott und den Erlösergott, wie manche Irrlehrer behaupteten. Wir glauben an den Sohn Gottes, gezeugt, nicht geschaffen, wie der Irrlehrer Arius dachte, vielmehr gleichen Wesens mit dem Vater, homousios tō patri, wie es die Kirchenväter mit Rückgriff auf die griechische Philosophie definierten. Wir glauben an den Hl. Geist, der gesprochen hat durch die Propheten, nicht erst Pfingsten erschaffen wurde, wie andere Häretiker meinten. So ist der ganze Text unseres Glaubensbekennisses Spiegelbild des frühchristlichen Ringens um den wahren Glauben. Jedes Wort scheint ein ganzes Kapitel Dogmengeschichte zu enthalten. Der Text ist gewiß zeitbedingt, aber alle Versuche, das Glaubensbekenntnis der frühen Kirche durch neue Texte zu ersetzen, vermochten nicht wirklich zu überzeugen. Wer die theologischen Hintergründe des Glaubensbekenntnisses versteht und ein wenig das Ringen um einzelne Worte begriffen hat, besitzt ein feines Sensorium dafür, Risiken und Nebenwirkungen moderner Neuformulierungen des überkommenen Glaubens zu erkennen.

Auch die Liturgie erhielt in der frühen Kirche ihre maßgebliche Gestalt. Schon Mitte des 2. Jahrhunderts bietet uns der Kirchenvater Justin eine Beschreibung der Meßfeier, die weitgehend der uns vertrauten Form entspricht. Ende des 4. Jahrhunderts liegt der Römische Kanon im Wortlaut schon nahezu fest vor. Mit gutem Grund konnte daher J.H. Newman 1845 schreiben: Kämen Athanasius und Hilarius, jene großen Glaubenszeugen der frühen Kirche, in unsere Zeit und in unser Land, dann gingen sie an manchem hohen Chor und feierlichem Kreuzgang vorüber, «um sich den Weg nach irgendeiner kleinen Kapelle zu erfragen, wo in der stark bevölkerten Gasse oder in der verlorenen Vorstadt die heilige Messe gelesen wurde» [6]. Newman wollte sagen: nicht in der Liturgie der Anglikaner erkannten sich die Kirchenväter wieder, hatte diese Liturgie doch besonders eucharistietheologisch mit wesentlichen altkirchlichen Überlieferungen gebrochen. Vielmehr wäre es die damals, zu Newmans Zeiten, mit dem sogenannten tridentinischen Missale gefeierte Messe gewesen, die die Heiligen der Frühzeit als die ihre entdeckten und empfänden [7].

Diese Beispiele mögen genügen, um zu begreifen, wie in der frühen Kirche, durch die Kirchenväter, Grundentscheidungen bezüglich der Gestalt des Glaubens getroffen wurden, die nicht beliebig revidierbar sind, sondern das Leben der Kirche bis heute prägen und bestimmen. Die Geschichte der Kirche nicht zu kennen, heißt ihre Gegenwart nicht zu verstehen. Das Verständnis der Gegenwart setzt die Kenntnis der Vergangenheit voraus.

Kommen wir zum zweiten Kriterium für den Titel ‹Kirchenvater›: die rechtgläubige Lehre. Die Orthodoxie der Kirchenväter rührt insbesondere daher, daß sie keine Privatideen vortrugen, sondern sich um die geistige Durchdringung dessen bemühten, «was überall, was immer, was von allen geglaubt wurde» [8]. Sie waren also vor allem Zeugen des Glaubens der Kirche und wollten es sein, indem «sie die Kirche lehrten, was sie selber von der Kirche empfangen hatten» [9]. Da die Kirchenväter zumeist Bischöfe oder Priester waren, betrieben sie ihre Theologie stets in medio ecclesiae, «inmitten der Kirche», wie es der Introitus zum Fest eines Kirchenlehrers so schön sagt. Wer die Kirchenväter liest, läuft nicht Gefahr, irgendwelchen Sondermeinungen aufzusitzen. Wer den Kirchenvätern folgt, ist kirchlich rückgebunden, bewegt sich stets auf sicherem Terrain.

Das dritte Kriterium, um als Kirchenvater bezeichnet zu werden, ist die Heiligkeit des Lebens. Nicht wenige Theologen der Alten Kirche starben oder litten für ihre Überzeugungen. Theologische Positionen konnten in der Tat lebensgefährlich sein. Nicht nur in der Zeit der Christenverfolgungen, wo das Martyrium als reale Möglichkeit immer wieder in das Leben eines Christen trat, der seinen Glauben dezidiert bezeugte. Auch und gerade in der nach-konstantinischen Epoche konnte ein theologischer Nonkonformismus gegenüber der staatlichen Religionspolitik zumindest die Verbannung nach sich ziehen. Ins Exil zu gehen oder dort zu sterben, war stets ein Zeichen dafür, kein Opportunist und Mitläufer gewesen zu sein. Profilierte Theologen der Alten Kirche kannten dieses Schicksal aus eigener Erfahrung. Diese Bereitschaft, für bestimmte theologische Positionen, wenn erforderlich, das eigene Leben einzusetzen, sollte bei der Lektüre patristischer Autoren nicht vergessen werden. Es ging in ihren Werken um weit mehr als um «Theologengezänk» oder unverbindliche Schriftstellerei.

Zum Merkmal der Heiligkeit des Lebens gehört noch ein weiterer Punkt. Die Kirchenväter waren meist auch große Beter. Um ein bekanntes Wort H.U. von Balthasars aufzugreifen: die patristische Theologie war noch eine kniende Theologie, keine sitzende Theologie, wie in späterer Zeit. Das Wissen um die Grenzen des eigenen Verstehens und die Unzulänglichkeiten des Wortes ließ die patristischen Autoren ihre Reflexion über den Glauben immer wieder mit dem Gebet verbinden. Die Bitte um göttlichen Beistand für ein rechtes Verstehen und angemessenes Verkünden der Mysterien des Glaubens findet sich in nahezu allen Werken frühchristlicher Autoren, seien es Homilien, Schriftkommentare, Apologien, antihäretische Traktate oder systematisch-spekulative Abhandlungen. Das Gebet eröffnet, durchbricht, beschließt das Glaubensdenken der Kirchenväter. Ihre Schriften sind Ausdruck persönlicher Ergriffenheit, mystischer Leidenschaft und spiritueller Tiefe. In der geistlichen Dürre unserer Zeit gibt es kaum eine bessere Lektüre.

Das vierte und letzte Merkmal eines Kirchenvaters ist die Anerkennung seitens der Kirche. Hierbei handelt es sich weniger um eine formelle Approbation seitens des Lehramtes als vielmehr um den kirchlichen Gebrauch eines frühchristlichen Schriftstellers auf Konzilien oder in päpstlichen Schreiben. Sehr schön beschrieb Papst Benedikt XVI. im Jahre 2007, welche Bedeutung die Kirchenväter auch für die Kirche heute besitzen können und sollen: «Ich möchte auch meinen sehnlichen Wunsch zum Ausdruck bringen, daß die Kirchenväter, in deren Stimme die beständige christliche Tradition erklingt, immer mehr zu einem festen Bezugspunkt für alle Theologen der Kirche werden mögen. Zu ihnen zurückzukehren bedeutet, zu den Quellen der christlichen Erfahrung zurückzugehen, um deren Frische und Reinheit zu kosten. Was könnte ich also den Theologen Besseres wünschen als ein erneuertes Bemühen, das Erbe der Weisheit der heiligen Väter neu zu entdecken? Das kann für ihre Reflexion auch über die Probleme unserer heutigen Zeit nur eine kostbare Bereicherung sein» [10]. Diese programmatische Aussage erscheint besonders wichtig, leben wir doch in einer Zeit der Geschichtsvergessenheit, des historischen Gedächtnisschwundes, der weithin verbreiteten Ansicht, das Christentum müsse heute neu erfunden werden, weil die Kirche 2000 Jahre lang das Evangelium mißverstanden habe und erst heute Meinungsumfragen, Kirchenvolksbegehren, Memorandums-Verfasser und Ungehorsams-Initiativen uns darüber aufklären, was Christus wirklich wollte. Um sich diese Frage zu beantworten, ist es weitaus vernünftiger, sich an die Tradition der Kirche mit ihren Martyrern und Mystikern zu halten und die klassischen Theologen zu studieren. Sie haben den Test der Jahrhunderte bestanden. Alle anderen noch nicht. Die Werke der patristischen Autoren sind – buchhändlerisch gesprochen – ‹longseller›, d.h. sie wurden und werden über Jahrhunderte hinweg immer wieder gelesen. Die Kirchenväter bieten eine Theologie ohne Verfallsdatum, von unbegrenzter Haltbarkeit, von zeitloser Aktualität. Wer die große Tradition der Kirche kennt, besitzt solide Maßstäbe, um die Fragen der Gegenwart kompetent zu beurteilen.

Welchen Gewinn bringt nun eine Lektüre der Kirchenväter? Was haben diese patristischen Autoren zu bieten? Der englische Konvertit Chesterton schrieb vor knapp hundert Jahren: «Allein die katholische Kirche ist es, die den Menschen von der erniedrigenden Knechtschaft befreit, ein Kind seiner Zeit zu sein» [11]. Auf die Kirchenväter übertragen: wer sich mit den großen Theologen der ersten Jahrhunderte beschäftigt, tritt endlich einmal heraus aus den ermüdenden Diskussionen über stets dieselben Themen, mit denen die Kirche seit Jahrzehnten nur noch um sich selber kreist und dadurch für die Gegenwart immer belangloser wird. In der patristischen Epoche läßt sich eine in vieler Hinsicht unverbrauchte Theologie entdecken, die eingefahrene Schemata heutigen Theologisierens in Frage stellt und sich nicht einfach den gängigen Sprachregelungen der modernen «ecclesiastical correctness» unterwirft. Insofern bieten die Kirchenväter ein erfrischendes Kontrastprogramm zu dem, was vielfach auf dem religiösen Büchermarkt, in den universitären Hörsälen oder den Bildungsprogrammen der Akademien jahraus jahrein angeboten wird.

Einige Beispiele hierzu. Schon die Sprache der Kirchenväter ist weit entfernt von dem heute so typischen «Pastoralsprech», der, wie treffend geschrieben wurde, «jeden Menschen mit gesundem Sprachempfinden abhängt und auf diese Weise die Aufmerksamkeit des normalen Menschen geschickt ablenkt» [12]. Die Kirchenväter nennen die Dinge ganz einfach beim Namen. Hören wir beispielsweise Papst Gregor den Großen wenige Wochen nach Pontifikatsbeginn im Jahre 590: «Ein altes und heftig geschütteltes Schiff habe ich, selbst unwürdig und schwach, übernommen, denn von allen Seiten dringt das Wasser herein und die morschen Planken, vom täglichen Unwetter erschüttert, verkünden schon ächzend den Untergang [13]. … Ich seufze, denn ich spüre, daß durch meine Nachlässigkeit die Schiffsjauche der Laster anschwillt und bei heftigem Sturm die schon verfaulenden Planken ächzend vom Untergang künden» [14]. Es dürfte kaum ein realistischeres Bild gegeben haben, um die Situation der Kirche in jener aufgewühlten Epoche zu schildern. Hungersnöte, Naturkatastrophen, Kriegswirren, Skandale im Klerus, Simonie, Pflichtvergessenheit, Verstrickung in politische Machenschaften, Bischofsweihen karrieresüchtiger Kandidaten, anhaltende Glaubensspaltungen, disziplinäre Kontroversen überschatteten das ausgehende 6. Jahrhundert. Was an Papst Gregor beeindruckt, ist seine deutliche Sprache, die sich nicht scheut, die Dinge beim Namen zu nennen. Er spricht – im Blick auf die Kirche – im Bild des Schiffes von «morschen Planken», von der «Schiffsjauche der Laster». Kein Schönreden der Krise also, wie heute vielfach üblich, wenn die Bischöfe den allgemeinen Niedergang als «Chance zum Neuaufbruch» verkaufen, Kirchenschließungen und Gemeindefusionierungen als Erzeugung von «Synergieeffekten» anpreisen, Glaubensirrtümer anderer Konfessionen als «differenzierten Konsens bzw. versöhnte Verschiedenheit» deklarieren und sogar den Priestermangel als «Stunde der Laien» geradezu begrüßen. Nein, Gregor der Große sagt, wie es ist: «Die morschen Planken verkünden schon ächzend den Untergang». Diese ungeschminkte Situationsanalyse führte ihn aber nicht in die Resignation, ließ ihn nicht in Lethargie versinken, vielmehr die notwendigen Reformen beherzt anpacken.

Die Maßstäbe für eine Kirchenreform entnahm Gregor der Große ebenso wie andere Väter nun aber nicht irgendwelchen soziologischen Modellen weltlicher Institutionen. Was taten die Kirchenväter stattdessen? Sie lasen und betrachteten die Schrift. In den biblischen Worten suchten und fanden sie Symbolgestalten der Kirche, die andere Perspektiven erschlossen als das rein empirisch ohne Zweifel zutreffende Bild eines im Sturm schwankenden, vom Untergang bedrohten Schiffes [15]. Wird heute in der Kirche über die Kirche und ihre Reform geredet, dann dominieren Vorstellungen von Institution, Apparat, Strukturen. Ganz anders die Kirchenväter. Sie sprechen vom Leib Christi, vom Tempel und der Stadt Gottes, vom himmlischen Jerusalem, vom Weinberg, von der Jungfrau und Mutter Kirche, von der Braut Christi, von Maria als Urbild der Kirche. Wenn die frühchristlichen Theologen vornehmlich in Bildern und Symbolen von der Kirche sprechen, dann ermöglichen diese «eine emotionale Bindung an die Kirche», sie eröffnen «die Möglichkeit, ihr mit Glaube, Hoffnung und Liebe begegnen zu können» [16]. In einer Zeit verengter Fremdwahrnehmung der Kirche seitens der Gesellschaft, aber auch angesichts auf äußere Strukturfragen fixierter Reformforderungen innerhalb der Kirche bedarf es mehr denn je einer «Innenansicht, die ihr eigentliches Wesen zum Leuchten bringt» [17]. Die ekklesiologische Bildersprache der Kirchenväter ermöglicht eine solche Perspektive. Wo heute die Generalvikariate zum Tummelplatz hochbezahlter Systemtheoretiker geworden sind, die mit komplizierten Organigrammen Steuerungsprozesse im bischöflichen Verwaltungsapparat entwerfen und alle möglichen Pastoralpläne erstellen, vertieften sich die Kirchenväter lieber in das biblische Hohelied, um im Liebeswerben zwischen Braut und Bräutigam Sinnbilder für ein erblühendes und glühendes Leben der Kirche zu entdecken.

Daß die Kirchenväter dabei keineswegs zu wirklichkeitsfremden Romantikern wurden, beweist ein anderer Punkt, in dem sie gegen die aktuelle kirchliche Korrektkeit verstoßen. Die Väter wußten, daß die Christus anvermählte Braut, die Kirche, stets der Gefahr ausgesetzt ist, ihrem Bräutigam untreu zu werden, geistigen Ehebruch zu begehen, der Häresie zu verfallen. In der Sprache waren die Kirchenväter nicht zimperlich, um die Gefährdungen zu beschreiben, die von den Irrlehren ausgingen: Häretikerpest, Schlangenbrut, Wölfe im Schafspelz, Feinde Christi, Verschwörer, Giftmischer, Falschmünzer, Weinpanscher sind nur einige Formulierungen aus dem antihäretischen Repertoire der patristischen Autoren. Es ist allerdings nicht nur die Schärfe der Polemik, die auf moderne Theologen «verstörend» wirkt, wie man heute gerne sagt. Vielfach stößt man sich generell an einer solchen Unterscheidung von Wahrheit und Irrtum in Glaubensdingen. Man sagt: «Daß … in der Religion Wahrheit und Falschheit nur Sache der Meinung seien; daß die eine Lehre so gut sei wie eine andere; … daß wir Gott nicht wohlgefälliger seien, wenn wir dieses glauben, als wenn wir jenes glauben; … daß unser Verdienst im Suchen liege, nicht im Besitzen; daß es Pflicht sei, dem zu folgen, was uns als wahr erscheint, ohne die Furcht, es könne auch nicht wahr sein; … daß man sich in Glaubensdingen getrost auf sich selber verlassen dürfe und keinen anderen Führer benötige…». Diese Sätze stammen übrigens von J.H. Newman. Er beschrieb damit «das Prinzip der Philosophen und Häretiker, ein Prinzip, das die Schwäche selbst ist» [18]. Man könnte auch sagen: das Prinzip, das ebenso heute die Mentalität vieler Katholiken prägt. Newman charakterisierte damit liberale Tendenzen innerhalb der anglikanischen Kirche seiner Zeit, denen er gerade durch eine Rückbesinnung auf die Kirchenväter entgegentreten wollte. In der patristischen Theologie hatte er Maßstäbe für seine eigene Suche nach Wahrheit gefunden. «Die Väter haben mich katholisch gemacht», bekannte er später [19]. Die Kirchenväter zeigen uns, daß es in Glaubensfragen sehr wohl Wahrheit und Irrtum gibt, daß die Wahrheit des Glaubens verlangt, auch dessen Verfälschung zu benennen und davor zu warnen [20].

Solche und ähnliche Positionen der Vätertheologie werden heute gerne und vorschnell als Ergebnis überholter Denkmuster qualifiziert. Dies geschieht nicht zuletzt deswegen, weil jene Auffassungen den gängigen Plausibilitäten der Moderne widersprechen und etablierte Denkweisen und Sprachregelungen heutigen Theologisierens in Frage stellen. Insofern besitzt die Glaubensreflexion der Kirchenväter durchaus ein kritisches Potential gegenüber Verengungen und Verflachungen des Theologieverständnisses späterer Epochen. Jeder großen Tradition wohnt ein gegenwartskritisches Element inne. Dies gilt auch für die Theologie der Kirchenväter. Daher gehört deren Kenntnis zu den «gefährlichen Erinnerungen», die begreifen lassen, wie wenig das augenblicklich Geltende zugleich schon das allein Gültige sein muß, wie sehr wiederum das Wissen der Vergangenheit tiefer und reicher als manches heute Erdachte sein kann. Ein Blick auf die Grundlagen patristischer Theologie vermag jener Geschichtsvergessenheit entgegenzuwirken, in deren Folge heutige Glaubensreflexion nicht selten nur dem Horizont des eigenen Denkens verhaftet bleibt. Wer diese frühchristlichen Autoren liest, gewinnt somit neue Maßstäbe. Er erkennt, wie manche «beispiellose Krise» unserer Zeit, die man gerne beschwört, um einen vermeintlichen «Reformstau» innerhalb der Kirche zu beklagen, verglichen etwa mit den Christenverfolgungen oder Häresien der Urkirche, völlig anders einzustufen und vor allem ganz anders zu lösen ist, als heute allenthalben vorgeschlagen bzw. gefordert wird.

Warum sollte man die Kirchenväter kennen, warum sich mit ihrem Denken beschäftigen? Schon im Jahre 1824 notierte Johann Adam Möhler, keineswegs der unbedeutendste unter den Kennern der Kirchenväter, was deren Theologie späteren Epochen bedeuten könnte: «Es ist immer gut, wenn der Einzelne während der Zeit, die von geistiger Kraft entfremdet ist, das Gefühl dieser ihrer Schwäche hat und sich darum hinwendet, wo Kraft war, um sich an dieser zu stärken. Die im Bewußtsein ihrer Unwissenheit schöpfen will dort, wo Schätze der Weisheit gesammelt wurden. ... Wo man aus eigener Kraft nicht weise ist, da besteht die Weisheit darin, die anderer anzunehmen» [21].

Anmerkungen

[1] Benedikt XVI., Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald, Freiburg i. Br. 22010, 31.

[2] Vgl. Benedikt XVI., Die Kirchenväter – frühe Lehrer der Christenheit, Regensburg 2008; Benoît XVI, Les Maîtres, Pères et écrivains du 1er Millénaire. De saint Léon le Grand à Saints Cyrille et Méthode, Dijon 2011.

[3] Einleitung: A. Heilmann / H. Kraft (Hg.), Einsichten des Glaubens. Texte der Kirchenväter, München 1968, 9.

[4] Vgl. A. Hamman, Die Kirchenväter. Kleine Einführung in Leben und Werk, Freiburg i. Br. 1967, 167.

[5] Irenäus, adversus haereses 4,41,2.

[6] J.H. Newman , Über die Entwicklung der Glaubenslehre (Ausgewählte Werke VIII), Mainz 1969, 90f.

[7] Vgl. M. Fiedrowicz, Die überlieferte Messe. Geschichte, Gestalt und Theologie des klassischen römischen Messritus, Mülheim / Mosel 52012, 54f.

[8] Vinzenz von Lérins, commonitorium 2,5. Zur Interpretation dieses Grundsatzes vgl. Vinzenz von Lérins, Commonitorium. Mit einer Studie zu Werk und Rezeption herausgegeben von M. Fiedrowicz, übersetzt von C. Barthold, Mülheim / Mosel 2019, 79-114.

[9] Augustinus, contra Julianum opus imperfectum 1,117.

[10] Schreiben anläßlich des 1600. Todestages des hl. Johannes Chrysostomus: AAS 99 (2007) 1040f. Vgl. M. Fiedrowicz (Hg.), Päpste und Kirchenväter. Gesammelte Texte über die Glaubenslehrer der frühen Kirche, Fohren-Linden 2016, 371-385, 384f.

[11] G.K. Chesterton, The Catholic Church and Conversion, London 1960, 78: «The Catholic Church is the only thing which serves a man from the degrading slavery of being a child of his age».

[12] Pfr. Dr. G. Rodheudt, Das trojanische Pferd Martin Luthers: Vatican Magazin 12 (2012) 48.

[13] Epistula ad Leandrum 1.

[14] Epistula 1,41.

[15] Vgl. M. Fiedrowicz, Das Kirchenverständnis Gregors des Großen. Eine Untersuchung seiner exegetischen und homiletischen Werke (RQ.S. 50), Freiburg i. Br. 1995; Gregor der Große, Von der Sehnsucht der Kirche, ausgewählt und übertragen von M. Fiedrowicz (Christliche Meister 48), Freiburg i. Br. 1995.

[16] E. Dassmann, Die eine Kirche in vielen Bildern. Zur Ekklesiologie der Kirchenväter, Stuttgart 2010, XIII.

[17] Ebd.

[18] J.H. Newman, Über die Entwicklung der Glaubenslehre (Ausgewählte Werke VIII), Mainz 1969, 309.

[19] J.H. Newman, Polemische Schriften (Ausgewählte Werke IV), Mainz 1959, 19.

[20] Vgl. M. Fiedrowicz, Theologie der Kirchenväter. Grundlagen frühchristlicher Glaubensreflexion, Freiburg i. Br. 22010, 365-437.

[21] J.A. Möhler, Pragmatische Blicke: ders., Nachgelassene Schriften. Nach den stenographischen Kopien von Stephan Lösch (1881-1966) I. Vorlesungen, Entwürfe, Fragmente, hg. R. Reinhardt, Paderborn 1989, 48.

Weiterführender Link

Beiträge der Interview-Serie über die Kirchenväter

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